Von Klaus Dörner

Ich gelte wohl immer noch als minderwertig, seit die Nazis mich zwangssterilisiert haben. Auf meiner Familie liegt immer noch der Erbmakel, seit die Nazis jemanden aus meiner Familie zwangssterilisiert oder in einer psychiatrischen Tötungsanstalt umgebracht haben. Die Bundesrepublik hat bisher nichts getan, um diese Schmach zu tilgen. Für uns gibt es kein Entschädigungsgesetz. Wenn der Bundeskanzler oder der Bundespräsident eine Gedenkrede halben, finden sie trostreiche Worte für rassisch, politisch oder religiös Verfolgte des Nationalsozialismus. Über das Verfolgungsschicksal unserer Familien gehen sie schamhaft hinweg. Die „Wochen der Brüderlichkeit“ haben uns noch nie zu Brüdern erklärt. Unsere Verfolgung wird stillschweigend gebilligt. Wir sind und bleiben minderwertig. In die Gemeinschaft der Bundesbürger sind wir noch nicht aufgenommen.

Erst seit wenigen Jahren bin ich so offen, daß ich solche bitteren Sätze hören will. Seither höre ich sie öfter, als mir lieb ist. Jeder von uns kann solche Sätze jederzeit in seiner Umgebung hören, wenn er will. Und die immer noch nicht anerkannten NS-Opfer warten auf ein Gespräch – seit 40 Jahren.

Es ist unendlich beschämend für uns alle und schwer zu verstehen, daß solches Hören erst in den letzten Jahren möglich wird. Vielleicht seit dem Zeitpunkt (September 1979), als die „Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie“ eine Denkschrift zum 40. Jahrestag des Kriegsbeginns herausgab und erklärte: „Am 1. 9. 1939 begann nicht nur der Vernichtungskrieg nach außen, sondern auch der Vernichtungskrieg nach innen.“ Seither geschehen am Rande des breiten Stroms des öffentlichen Bewußtseins hier und da kleine Wunder.

Ein Beispiel: In Köln hat die dortige „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ damit begonnen, eine Kartei aller Kölner Opfer des Nationalsozialismus zusammenzustellen. Darin finden sich nicht nur die jüdischen, politischen und religiösen Verfolgungsopfer, sondern daneben auch – wohlgemerkt: daneben – der Arbeiter, der wegen „Bummelei“ dem Programm der „Vernichtung durch Arbeit“ zum Opfer gefallen ist, der Alkoholkranke, der Ostarbeiter, die Prostituierte, der geistig Behinderte, der Tuberkulosekranke, der Zigeuner, der „Rheinland-Bastard“, der psychisch kranke Kriminelle, der „Asoziale“, der Kriegsgefangene, das behinderte Kind, die aufsässige Jugendliche und der psychisch Kranke, die allesamt den verschiedenen sozialpolitischen Vernichtungsprogrammen der Nazis zum Opfer gefallen sind, weil sie nicht genug „gemeinschaftsfähig“, nicht „produktiv“ leistungsfähig und damit minderwertig waren.

Dabei stellen die Kölner fest, daß es den Nazis gezielt um die Disziplinierung und Vernichtung der randständigen Gruppen und der sozialen Unterschicht gegangen ist. Sie ahnen inzwischen, daß das Programm der Nazis die „Endlösung der sozialen Frage“ gewesen ist, und sie fragen sich zunehmend, welche Interessen dafür gesorgt haben, daß bei der Aufarbeitung der NS-Zeit im Nachkriegsdeutschland dieser Kern des NS-Programms geflissentlich und vielleicht stillschweigend billigend übersehen worden ist.

Ein anderes „Wunder“: In Hamburg hat sich ein „Verein zur Erforschung der nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik“ gebildet. Er besteht aus Laien-Historikern, hat aber gleichwohl in einer ersten Veröffentlichung eine Menge empirischer Beweise dafür gefunden, daß es den Nazis in der Tat um die „Endlösung der sozialen Frage“ und damit um die Erfüllung eines alten Traums des Bürgertums gegangen ist („Heilen und Vernichten in Mustergau-Hamburg“, Konkret-Verlag Hamburg 1984).