Stuttgart

Wenn Bulling kommt, hat er die Pressemitteilung meist schon in der Tasche“, höhnen schwäbische Bürgermeister über ihren obersten Rechtsaufsichtsbeamten in Stuttgart. Die Rede ist von Manfred Bulling, dem Regierungspräsidenten von Stuttgart, einem politischen Beamten des Ministerpräsidenten Lothar Späth und gleichwohl parteilos. Ob Diäthylenglykol in Burgenländer Weinen; ob Stickoxyde in Kraftwerksabgasen oder Wasser im Teig der schwäbischen „Spätzle“ – Manfred Bulling hat die Nase immer drin. Es gibt wohl kaum einen Regierungsbeamten zwischen Flensburg und Konstanz, der sein Amt so offensiv betreibt wie der Stuttgarter Bezirkschef – ein Ministerpräsident im kleinen.

Bulling herrscht über ein Gebiet, viermal so groß wie das Saarland. Er überwacht 343 Oberbürgermeister und Bürgermeister, elf Landräte. Fast jeder zweite Arbeitnehmer in Baden-Württemberg verdient sein Brot in diesem Bezirk. Und wann immer im Wohlstandsgürtel des Südens der Staat ein Wörtchen mitzureden hat, sei es im Denkmalschutz oder beim Kläranlagenbau, bei, Straßen, Müllhalden, Wasserleitungen oder Fluglärm, kommt niemand an Manfred Bulling vorbei. Da über den Schreibtisch des Regierungspräsidenten fast jede Anweisung eines Ministers an die untergeordneten Behörden läuft, ist für die Oberen das Regieren in diesem Landstrich von Baden-Württemberg stets ein schwieriges Geschäft.

Jetzt erst hat er wieder Schlagzeilen gemacht, als Chef einer vierköpfigen Expertenkommission, die der Stuttgarter Landesregierung einen gründlichen Umbau aller ihrer Ministerien, die „Vernetzung“ und „Verkabelung“ verstaubter Amtsstuben und den Ministerialräten eine Verjüngungskur in Sachen industriellem Management empfahl. Und obwohl führende Fachleute der Industrie in der Kommission mitgearbeitet haben, trägt der Bericht doch die unverkennbare Handschrift des Verwaltungsfachmanns Bulling. Leitende Beamte will er nur noch auf Zeit ernennen, Kabeltechnik, Computer und Theater in einem „Kommunikationsministerium“ zusammenfassen und eine „Hohe Verwaltungsschule Baden-Württemburg“ gründen, eine Art Ordensburg für Einser-Beamte des Landes.

Der heute 55 Jahre alte Bulling hatte schon als Referendar juristische Kommentare geschrieben. Er stammt aus jener Gruppe junger Ministerialräte, die der frühere Ministerpräsident Hans Filbinger um sich scharte und von der er sich seine Politik entwerfen ließ. „Der Generalstab kennt keine Namen“, dieses alte Wort Moltkes gab Filbinger für seine Truppe aus, und die jungen Büchsenspanner hielten sich daran. In der Anonymität dieser Denkfabrik wurde Filbingers Widerstand gegen die Ostverträge ebenso mobilisiert wie der Wahlsieg der CDU von 1972 geplant wurde. Bulling und seine Kollegen steuerten die Gebietsreformen des Landes und den Bau des umstrittenen Kernkraftwerks Wyhl.

Heute sitzen sie, Mittfünziger, an vielen Schaltzentralen des Südwestens: Manfred Rommel als Oberbürgermeister von Stuttgart, Gerhard Mayer-Vorfelder als Kultusminister, Otto Rundel als Präsident des Landesrechnungshofs, Eberhard Benz als Chef des größten landeseigenen Elektrizitätskonzerns Badenwerk, Benno Bueble als Ministerialdirektor im Finanzministerium.

Während Rommel die Fronten wechselte und Kommunalbeamter wurde, blieb Bulling seiner alten Leidenschaft treu. Schon als Ministerialrat galt er als Bannerträger des Staates in der Auseinandersetzung mit der selbstbewußten süddeutschen Kommunalverwaltung. „Der Staat muß in der Provinz Flagge zeigen“, lautete seine Devise, weshalb er auch keine Gelegenheit ausließ, die Staatsverwaltung zu verbessern. Die Landkreise, Fürstentümer der Kommunen, wollte er einmal rundweg abschaffen und durch große Regionalkreise ersetzen, in denen die Administration des Staates und nicht die der Gemeinden das Sagen gehabt hätte. Eifersüchtig mußte Bulling nämlich zuschauen, wie viele Stadtoberhäupter die Gelegenheit der Gebietsreformen dazu benutzt hatten, die Kommunalverwaltung effizient auszubauen. Dagegen hinkten die Behörden des Landes dem Fortschritt hinterher.