Dienstschluß in Bonn. Am Freitag, dem 2. August, verabschiedete sich Sonja Lüneburg, Sachbearbeiterin im Büro von Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann, mit der Bemerkung, sie wolle übers Wochenende mit einem befreundeten Ehepaar aus Köln nach Brüssel fahren; vielleicht werde sie am Montag erst etwas später wieder zurück sein. Die 60jährige Frau verreiste oft an Wochenenden über die Grenze. Am Samstagmorgen fuhr sie mit einem Handköfferchen in ihrem kleinen Toyota Tercel davon – auf Nimmerwiedersehen.

Kollegen alarmierten am Dienstag die Polizei; Familie Bangemann, die gerade nach einer Dienstreise des Ministers einen Kurzurlaub auf Bali einlegen wollte, meldete sich voller Sorge um die Freundin des Hauses. Sollte ihr im Ausflugsverkehr etwas zugestoßen sein? War sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen? Oder hatte sie Hand an sich gelegt?

All dies schien möglich. Nur an Spionage dachte niemand. Erst als die Polizei in die Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Bonn-Plittersdorf eindrang, schöpfte man Verdacht: Frau Lüneburg hatte vor ihrer Abreise nicht mehr aufgeräumt. Noch verdächtiger: Die Polizisten entdeckten eine Photoausrüstung, wie sie auch von Agenten für Dokumentenaufnahmen benutzt wird: ein einbeiniges Minox-Stativ, ein vierbeiniges Stativ für Großkameras, Distanzringe für Nahaufnahmen, eine 1000-Watt-Lampe; jedoch keine Kameras. Merkwürdigerweise hatte Frau Lüneburg ihrem

Nachbarn, einem Hobby-Photographen, im Gespräch nie zu erkennen gegeben, daß sie selber, wie alle ihre Freunde bei der FDP bezeugen, gern und viel photographierte. Und das Ehepaar in Köln hatte keine Ahnung von den Reiseplänen, ja seit Jahren keinen Kontakt mehr mit ihr.

Generalbundesanwalt Kurt Rebmann reichten diese Umstände für den Anfangsverdacht, Bangemanns politische Vertraute könne für einen östlichen Geheimdienst gearbeitet haben. Der Bundeswirtschaftsminister, der sofort aus Indonesien nach Bonn zurückdüste, reagierte ebenso ungläubig wie die Plittersdorfer Nachbarn, denen Frau Lüneburg unbekümmert ihren Hausschlüssel überließ.

Sonja Lüneburg eine Spionin – so recht glauben mochte dies selbst Anfang der Woche in der FDP-Führungsriege um Martin Bangemann immer noch niemand, denn „die Sonja“ hatte seit Jahren ganz selbstverständlich dazugehört. Man duzte sich, verbrachte gemeinsame Urlaube; bei Bangemanns hatte die nette, alleinstehende Frau sogar Familienanschluß gefunden. Jedermann hatte sie gern um sich: als unentbehrliche umsichtige Organisatorin, als politische Mitstreiterin und unermüdliche Arbeitskraft.

Allzeit freundlich, souverän, zuverlässig, fast herzlich, von unaufdringlicher Zuvorkommenheit – so schildern sie ihre Weggefährten von der FDP. In ihrer Bonner Wohnung übernachteten zuweilen Funktionäre der Partei; Spionage, ein Doppelleben irgendwelcher Art – dieser Gedanke wäre niemandem auch nur im Traum eingefallen.