Seit Helmut Kohl angekündigt hat, er sehe „keinen Grunddas Kabinett umzubilden, ist Bonn um das letzte Thema ärmer, das die Gemüter noch einigermaßen bewegt hat. Jetzt bleiben nur noch die kleinen Sommerskandale um Wein, Nudeln und Spione.

Nehmen wir zum Beispiel Friedrich Vogel, den Staatsminister im Kanzleramt. Da fließen (nicht überraschend) hohe Spenden aus der Versicherungswirtschaft an die Parteien, zumal auf dem Umweg über ihn. Die Spenden werden nicht wie vorgeschrieben im Bundesanzeiger veröffentlicht. Die Spender verknüpfen ihre Gaben mit den merkwürdigsten Wünschen und Bedingungen. Aber Friedrich Vogel fällt dazu ein, es sei alles „astrein... völlig in Ordnung... in höchstem Maße erwünscht...“ Man merkt doch gleich, bei wem Vogel in die Schule gegangen ist. Oder hätte es Kohl schöner sagen können?

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Oder Heiner Geißler: Als Sozialminister in Mainz hat er 1975 die „Neue Soziale Frage“ proklamiert und der sozial-liberalen Regierung vorgehalten, Erfinder der „Neuen Armut“ zu sein. Als Minister im Kabinett Kohl nennt er das „Gerede“ von der „Neuen Armut“ – die Zahl der Betroffenen ist inzwischen stark angestiegen – den „größten sozialdemokratischen Schwindel der Nachkriegszeit“. Nach dieser Logik wäre die Welt wirklich heil, gäbe es in Bonn nur nicht die SPD – und die Presse.

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So ungefähr denkt wohl auch Helmut Kohl. Für ihn steht, wie er Peter Höpen in einem ZDF-Interview verriet, außer Frage, daß dies eine der erfolgreichsten Regierungen der deutschen Nachkriegszeit wird; „und warum soll ich da jetzt personale Spekulationen anstellen?“ Pech für alle, die schon am Namenskarussell gedreht hatten. Dazu zählen auch diejenigen in CDU und Kanzleramt, die sich wünschten, Kohl möge sich mit einem Kabinettsrevirement auch einmal als „Machtpolitiker“ erweisen. Aber es hat sich nichts daran geändert, daß ein solches Revirement in Kohls Augen ein Eingeständnis von Schwäche oder Fehlern wäre. Umgekehrt wird ein Stiefel daraus: Die Regierung, predigt Kohl da wie er immer gepredigt hat, leiste eine „vorzügliche Arbeit“. Das Kabinett sei homogen, der Zusammenhalt groß, die Kameradschaftlichkeit ausgeprägt. Was haben sich die Medien und die Opposition über Kohls Kabinett, Kanzler-Beschimpfung und Fingerhakeleien in den letzten Monaten bloß aus den Fingern gesogen?

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