Die Prüfzeugnisse der Lebensmittel-Chemiker für Wein sind gefragter denn je

Österreichische Winzer und deutsche Wein-

kellner droht das Diethylenglykol arbeitslos zu machen; einer anderen Berufsgruppe bringt es einen sommerlichen Boom: Über die Lebensmittelchemiker ergießen sich Fluten von Analyseaufträgen. Besonders gefragt sind die nur etwa fünfzig privaten Labors, die von vereidigten „Handelschemikern“ geleitet werden. Sie gelten als die „Notare der Wirtschaft“, denn sie allein dürfen ein von den Handelskammern verliehenes Dienstsiegel unter jene Prüfzeugnisse drücken, mit denen Weinhändler neuerdings so gern ihre Schaufenster schmücken.

Einer der Größten in der exklusiven Branche ist Professor Wilhelm Fresenius in Taunusstein. In seinem 120-Personen-Betrieb sind in den vergangenen Wochen besonders viele Proben eingegangen, denn er arbeitet für die Firma Pierotn. Mit Fresenius’ Zeugnissen versucht der größte Weinhändler der Bundesrepublik seinen angeknacksten Ruf wieder aufzubessern (siehe ZEIT Nr. 34/1985). Pieroths Bedarf an guten Papieren ist so groß, daß der Weinkonzern dem Chemielabor schon mit zusätzlichen Untersuchungsgeräten ausgeholfen hat. „Momentan sind alle Analysen sehr eilig“, klagt Volker Betz, Laborleiter bei Fresenius. „Wir arbeiten fast schon im Schichtbetrieb.“ Weitab von den Weinbaugebieten haben die Labors ebenso gut zu tun. Einen „Schwall von Analysen“ hat etwa der Handelschemiker Wolfgang Specht in Hamburg zu bewältigen – nur mit Wochenendarbeit kann er den Bedarf an Glykoltests noch decken. Specht und sein Partner Wilfried Winkelmann besitzen dreizehn Gas-Chromatographen. Die hochempfindlichen Analysegeräte, ohne die kaum noch ein Labor auskommt, können das Weingift auch noch in kleinsten Konzentrationen aufspüren, die das Bundesgesundheitsamt schon für unbedenklich hält.

Vor dem eigentlichen Glykoltest müssen die Chemiker eine lästige Beigabe aus dem Wein entfernen: den Zucker, der Wolfgang Specht sonst „die Apparate verdrecken würde“. Vier bis fünf Proben gezuckerten Weins reichen aus, um die Gläser zu verkrusten.

Mit einer Spritze wie zum Impfen füllen die Prüfer ihre verdächtige Probe in den Gas-Chromatographen ein. Auf 250 Grad erhitzt läuft sie durch ein vielfach gewundenes feines Glasrohr, das innen mit Gleitmitteln belegt ist. Sie befördern die verschiedenen Bestandteile des Weins mit unterschiedlichem Tempo und trennen sie so voneinander. Genau dreieinhalb Minuten nach dem Einfüllen kommt der Moment der Wahrheit: Wenn der Schreiber des Geräts jetzt nach oben zuckt, ist höchstwahrscheinlich Diethylenglykol am Ende des Glasrohres angekommen.

Den Beweis bringt dann ein Test im Massenspektrometer, einem mehrere hunderttausend Mark teuren Gerät, in dem die verdächtige Substanz mit Elektronen beschossen wird. Die Bestandteile, in die sie dadurch zerfällt, sind für jede Substanz so individuell wie der Fingerabdruck des Menschen. Ein Analysecomputer vergleicht das Beschußergebnis mit den „Fingerabdrücken“ von 36 000 gespeicherten Substanzen. Auch die EDV-Branche hat auf den Bedarf an Weintests schon reagiert: Eine dreiseitige Anleitung zum „Nachweis von Diethylenglykol in Wein bekamen Besitzer von Hewlett-Packard-Analysegeräten jetzt ins Haus geschickt.