Die Nationalökonomie befindet sich in Schwierigkeiten. Äußeres Kennzeichen dieser Schwierigkeiten ist keineswegs die Tatsache, daß der Meinungspluralismus in den Wirtschaftswissenschaften besonders stark ausgeprägt ist. Kontroversen gibt es in jeder theoretischen Disziplin. Sie sind ihr belebendes kreatives Element. Es ist die Unzahl von Denkrichtungen und in sich geschlossenen und gegeneinander abgeschlossenen Schulen, die sich mit dem Anspruch, jeweils im Besitz der allein gültigen Wahrheit zu sein, oft fanatisch bekämpfen und für die Zunft der Nationalökonomen insgesamt Anlaß sein sollte, über den desolaten Zustand ihrer Wissenschaft als Wissenschaft nachzudenken.

„Die Krise in der Wirtschaftstheorie“ – diesem Thema widmete die in amerikanischen Intellektuellenkreisen eine ziemliche Rolle spielende Zeitschrift The Public Interest zur Feier ihres fünfzehnjährigen Bestehens eine dickleibige Sondernummer. Die zwölf zum Teil recht anspruchsvollen Beiträge wurden zu einem Buch zusammengefaßt, das nun in einer zwar korrekten, stilistisch aber unbeholfenen und mit Satzfehlern reichlich versehenen Übersetzung auch dem deutschen Leser zugänglich gemacht worden ist. Wer bereit ist, sich über diese Unschönheiten hinwegzusetzen und zudem über ausreichendes Interesse an den sich in der Nationalökonomie abspielenden Richtungskämpfen verfügt, wird dieses Buch nicht ohne Gewinn lesen.

Die meisten Essays sind von Wirtschaftswissenschaftlern amerikanischer Herkunft geschrieben, die sich, wie es vielsagend und unheilverkündend in dem von den beiden Herausgebern geschriebenen Vorwort heißt, auf jeweils „eine der verschiedenen Ecken der Quadranten des wirtschaftlichen Universums zubewegen“.

Da schlagen also Klassiker, Neoklassiker, Monetaristen, Angebotstheoretiker, Nachfragetheoretiker, Altkeynesianer, Neukeynesianer, Postkeynesianer, Mikroökonomen, Makroökonomen, Gleichgewichtstheoretiker, Ungleichgewichtstheoretiker, und Vertreter der Anhänger der „neoösterreichischen Sichtweise“, „Schule der rationalen Erwartungen“ – die Liste ist damit noch längst nicht zu Ende – aufeinander ein und sich ihre Kladden um die Ohren. Glanz und Elend der Nationalökonomie werden hier, gewissermaßen im internationalen Maßstab, schmerzlich vor Augen geführt.

Wesentlich ergiebiger sind die Beiträge jener Autoren, die zwar auch von Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaft einiges verstehen, sich aber darüber hinaus auch auf anderen Feldern umgetan haben. Dem Thema am meisten gerecht – „Die Krise in der Wirtschaftstheorie“ – werden die Essays der beiden Herausgeber, die im Jahre 1965 die Zeitschrift gründeten, ihr heute noch verbunden sind und zu jener Gruppe liberaler Intellektueller in den USA gehörten, die während der Kennedy- und Johnson-Ära sich auch politisch engagierten. Die ernüchternden Erfahrungen, die sie dabei machten, insbesondere was die Effektivität staatlicher Maßnahmen und die Verläßlichkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse bei ihrer Umsetzung in politische Praxis angeht, ließen sie zu „Neokonservativen“ werden.

Daniel Bell, dem deutschen Leser bekannt insbesondere durch seine beiden Bestseller „Die Zukunft der westlichen Welt“ und „Die nachindustrielle Gesellschaft“, ist Professor für Soziologie an der Harvard-Universität. Für Bell handelt es sich bei den Kalamitäten, von denen die Nationalökonomie seit vielen Jahren heimgesucht wird, nicht so sehr um eine Krise in der ökonomischen Theorie, sondern um eine Krise der ökonomischen Theorie.

Diese Krise hat ihren historischen Ursprung darin, daß Adam Smith zu der Zeit, als er in seinem 1776 erschienenen Standardwerk über Wesen und Ursachen des Volkswohlstandes (Wealth of Nations) die Vorzüge ökonomischer Aktivitäten beschrieb, von der damals gegebenen Voraussetzung ausging und auch ausgehen konnte, daß die individuellen Eigeninteressen des Menschen eingebettet sind in ein weiträumiges Netz sittlicher Normen und Zielsetzungen. Erst im Laufe des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts löste sich die Nationalökonomie aus dem traditionellen Zusammenhang menschlicher Handlungen und Motivationen heraus und strebte den Rang einer autonomen Wissenschaft an. Die unselige nationalökonomische Kopfgeburt des von allen sonstigen menschlichen Bindungen und Regungen freigesetzten homo oeconomicus ist für Bell die Erklärung dafür, daß „Modelle und Realität im wirtschaftlichen Denken“ – so der Titel seines Essays – nicht mehr miteinander im Einklang stehen.