ARD, Donnerstag, 15. August: „Der Computer-Krieg“; ZDF: „Aus Forschung und Technik“

Einer sinnvollen Programmabsprache der Fernsehanstalten war es zu danken, daß am Donnerstag zwei Filme zu sehen waren, die einander gut ergänzten. Zunächst kam im Ersten ein Bericht über die Auseinandersetzungen zwischen amerikanischen und fernöstlichen Computerherstellern, dann im Zweiten, eine Sendung über die Ausstellung „Phänomena“ in Rotterdam, die helfen soll, in der Menschheit Technikfeindlichkeit abzubauen.

Durch die Darstellung einer Verbindung von Großkapital und Info-Kabbala konnte einem der Film im Ersten so richtig Angst machen. Mir, dem schon das Funktionieren eines normalen Telephons ein Rätsel ist, ging’s an die Nieren, daß ich von all dem, was da geredet und gezeigt wurde, nichts verstand. Daß zum Beispiel demnächst auf einem einzigen, zugegebenermaßen wunderschönen, Chip von Fingernagelgröße eine Million Informationen gespeichert werden können, übersteigt mein Vorstellungsvermögen. Mein Unbehagen wurde noch verstärkt durch die Ankündigung weiterer Fortschritte auf diesem Gebiet. Wie die computergesteuerten blanken Hebel von oben nerunterfuhren und Kabel verlöteten, war zwar hübsch anzusehen, es provozierte aber die Vorstellung, daß vermutlich wir es sind, die von diesen Apparaten eines Tages hin- und hergestoßen werden. Schwach ist der Trost, daß nicht nur der sogenannte Verbraucher diesem „Krieg der Sterne“ ausgeliefert ist, sondern daß sich auch der Ausdenker und Produzent zum Sklaven des Fortschritts gemacht sieht. Er wird zu immer neuen Anstrengungen getrieben, ob er will oder nicht. Dieser sich ständig beschleunigende Wahnsinn erinnert an Poes Erzählung „Das Manuskript in der Flasche“. Am Ende der Entwicklung über den Megalith hinaus steht der Kretin.

Demgegenüber war die Sendung im Zweiten ein drolliger Spaziergang. Eben war einem von der Technik und deren Dompteuren angst und bange geworden, nun wurde man mit Zuckerbrot gelockt. Die Ausstellung in Rotterdam, über die berichtet wurde, soll den Menschen die Angst vor der Technik nehmen. Von Technik ist dort allerdings nicht viel zu sehen. Es handelt sich um eine Ausstellung von physikalischen Phänomenen. Der in dieser Umgebung recht antiquiert wirkende Bürger kann eigenhändig ein Sammelsurium verblüffender Effekte hervorrufen, so zum Beispiel eine tonnenschwere Granitkugel drehen, die geisterhaft schöne Chlaaenischen Klangfiguren erzeugen oder an allerlei verrückten Spiegeln hantieren, die an alte Kaleidoskope erinnern oder an Faxen, die wir als Kind an Mutters Frisiertoilette machten.

Dem Film war der Spaß anzumerken, den auch die beiden Autoren an dieser Ausstellung gehabt haben. Das übertrug sich wohltuend, und, was besonders anzuerkennen ist, sie beließen es nicht bei dem Spaß, sondern sie äußerten auch kritische Bedenken, ob nämlich die Absicht der Aussteller, Technikfeindlichkeit unter den Besuchern abzubauen, mit derlei Hokuspokus wirklich erreicht wird. Und, eben wegen der phantastischen Wirkung, erst recht zurückstößt. Deutlich wurde nämlich, daß hier nicht mit Technik gespielt wird, sondern eher umgekehrt, daß die Technik mit dem Menschen spielt, daß sie ihn foppt. Deshalb waren den Experimentieranordnungen auch Betreuer beigegeben. Sie sollten Mißdeutungen, vor allem wohl auch Beschädigungen durch Frustrierte vorbeugen. Der Wolf hatte sich das Rotkäppchen aufgesetzt, und er verstellte seine Stimme.

Als Ergebnis beider Sendungen kam heraus, daß man nun weiß, daß man nichts weiß, und das hat ein Herr im Altertum bereits herausgefunden, ohne daß man ihm vormachen mußte, wie man mit einer Pauke eine Kerze auspustet. Walter Kempowski