Als die Fähre mitten im Strom unterging und die jungen Rotgardisten vom Wasser weggerissen wurden, bekamen sie es nicht etwa mit der Angst zu tun. „Von den Ertrinkenden wurde nicht ein einziger Hilferuf gehört. Sie riefen nur: „Lang lebe der Vorsitzende Mao!“ Ihre Rufe waren Grüße an die Rote Sonne in ihrem Herzen.“ So dichtete die Nachrichtenagentur Hsinhua am 8. 12. 1967, nachzulesen auf einer der Texttafeln in der Berliner „Galerie 70“. Bleibt da jemandem das nostalgische Lächeln im Halse stecken?

Nostalgie dürfte wohl die meisten Besucher der Ausstellung „Mao Tse-tung: Die Kultur der Kulturrevolution“ bewegen. So fern ist das schon ... Und hat doch gerade hier in Berlin (wie auch in Paris) zu den exotischsten Formen politischer Auseinandersetzungen geführt. Der große Steuermann als Schutzpatron der rotfahnigen Ku’damm-Demos...

Als „Kulturrevolution“ wurde etikettiert, was da im Sommer 1966 im Reich der Mitte losbrach: der Aufstand der Jungen gegen die Etablierten, der Revolutionäre gegen die Bürokraten, der neuen Menschen gegen die alten Säcke. Wie leuchtete es da in den Augen der westeuropäischen Intelligenz, die selbst gerade mit dem Mief der Nachkriegszeit aufräumte! Endlich ein Kommunismus, der nicht unausweichlich zu Funktionärsprivilegien, Planübersoll und kleinbürgerlicher Tristesse der lethargischen Massen führte! Statt dessen für alles eine Lösung: die Mao-Tse-tung-Ideen. Schwenke das rote Büchlein mit den Worten des Vorsitzenden, und kein Hindernis kann dich mehr aufhalten (daß 1969 das Vorwort von Lin Biao in revolutionärer Disziplin herausgerissen werden mußte, weil dieser als Verschwörer entlarvt worden und auf der Flucht in die Sowjetunion – ja doch! – umgekommen war, wurde achselzuckend hingenommen. Eine Revolution ist kein Deckchenhäkeln, hatte Mao gesagt).

Mao, Mao, Mao: auf Milliarden von Abzeichen aufgeprägt, auf Porzellanteller gepinselt, in Herzform gar oder als Quietschpuppe: der ganze Revolutionskitsch, das ganze unsägliche bonbonrote Zeug aus dem Kinderkreuzzug, der doch einem höchst ernsten Machtkampf in der chinesischen KP entsprang, das ist in der Wanderschau der „Galerie 70“ zu sehen. Der Wecker, als dessen Sekundenzeiger eine Rotgardistin die Mao-Bibel schwenkt, die Teetasse mit revolutionären Losungen, die Tischaufsteller aus Bambus und Plastik, die proletarisch schlichte Mütze mit dem roten Fünfzackstern: alles was nicht immer glimpflich abging (Angaben zur Zahl der Opfer des zehnjährigen Deliriums werden bis heute verschwiegen).

Man sollte sich nicht täuschen lassen von der vordergründigen, unfreiwilligen Komik dieser Devotionalien. Es hat seinen Grund, daß sich die VR China derzeit in Berlin mit den „Schätzen aus dem Palastmuseum“ als Kulturstaat präsentiert. Die Jahre der Kulturrevolution, die auch – zumal in der Provinz – eine riesige Kulturbarberei war, eine Zerstörungsorgie sondergleichen, sollen freundlich verdrängt werden. Heute stehen die „Vier Modernisierungen“ auf dem Plan, für Rote Büchlein erwärmt sich auch bei uns niemand mehr, und Staunen macht allein der Aufwand an Rechtfertigung und Wohlwollen – wo nicht Byzantinismus –, mit dem die westliche Linke das chinesische Experiment damals begleitete.

Der Gang in die „Galerie 70“ könnte ein notwendiger Ausflug in Sachen Selbstkritik sein. So vergänglich sind doch die großen Sprüche. Aber darüber ist in dem einen Ausstellungskatalog nichts zu lesen und ebensowenig zu den Hintergründen, die Mao zur Entfesselung der Kulturrevolution führten, ein Jahr nach der Katastrophe der indonesischen KP, die nach chinesischem Vorbild die Revolution in die Dritte Welt tragen sollte. (Galerie 70 bis 25. 8., Katalog 5 DM)

Bernhard Schulz