Hannover: „Reinhold Koehler – 1919–1970“

Eine Retrospektive. Ein Rückblick. Sie zeigt eine klar umrissene Facette moderner Kunstgeschichte, einen Beitrag zum Prinzip Collage und ihrer Entwicklung. Kubisten, Dadaisten, Surrealisten, sie setzten auf der Suche nach neuen Ausdrucksmitteln die Collage ein. Picasso, Wladimir Tatlin, Kurt Schwitters, Max Ernst, sie loteten ein Prinzip aus, benutzten es für ihre Absichten. Fremde Materialien, erst Papier, dann Draht, Holz, Blech, schließlich Glas, Stoffe kamen mit ins Bild. Die Künstler experimentierten. Neben den großen Namen ein späterer. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Reinhold Koehler die Versuchsreihe fort, fragt wieder nach dem Stoff, nach dem Material, der Struktur, die ein Bild ausmachen. 1958 erfindet er den Begriff „Décollage“. Ein Schlüsselwort in seinem Werk. „Man macht Décollages, um Collages zu verhindern. Nicht Summation, sondern Reduktion“, definiert er seine Erfindung. KoehlerläßtseineBilderalsProduktegelenkterZerstörung entstehen: Papier, auf eine Unterlage geklebt, wird in noch feuchtem Zustand stückchenweise wieder abgerissen und umgeklappt. Durchaus nicht nur willkürlich, sondern mit System. Sonderarten dieser Grundmethode werden gebildet: neben den Décollages purs, die Décollages gräves, die Décollages brûles und die Objets décollages, das sind auf einer Grundlage fixierte Teller- oder Flaschentrümmer. 1963 schließlich werden die Contre-Collages erfunden: Papiercollagen werden dazu mit einer Glasscheibe bedeckt, diese wird zertrümmert, die Bruchlinien werden mit schwarzer Tusche hervorgehoben. Künstlerische „Grundlagenforschung“? Koehler entwickelte seinen Begriff wenn nicht abseits so doch am Rande der avantgardistischen Kunst der sechziger Jahre. Es war ein methodisches Weiterdenken des alten Prinzips Collage. Etwa zur gleichen Zeit benutzten Künstler wie Mimmo Roteller und Wolf Vostell die Décollage als provozierendes Instrument gegen die Konsumwelt durch Abreißen von Plakaten, Übermalen und Verwischen von Abbildungen und Photographien wollten sie kritisch machen, Bewußtsein schaffen. Koehler war im Gegensatz zu ihnen ein unpolitischer Künstler. Für ihn war die Décollage eine Weise künstlerischen Formens, augenfälliger Hinweis auf die materiellen Vorgänge, die ein Bild erst entstehen lassen. Im Gespräch sagte er einmal: „Als ich die zerstörten Städte sah, habe ich verstanden, daß Form nicht zerstört werden kann, ohne daß neue Form entsteht.“ (Sprengel Museum bis zum 1. September, Katalog 25,– DM; Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen vom 8.12. ’85 bis zum 26.1. ’86) Elke von Radziewsky