Der Vortragende Legationsrat erster Klasse, Klaus Jürgen Citron, schüttelte indigniert seinen Kopf: „Nein“, über das Privatleben seiner Sekretärin wisse er nicht Bescheid. Sie sei zuverlässig und ruhig gewesen, ebenso korrekt wie zurückhaltend. „So der norddeutsche Typ, würde ich sagen“, meinte der Diplomat, von 1974 bis 1978 Leiter der politischen Abteilung der deutschen Nato-Botschaft in Brüssel.

Legationsrat Citron war als Zeuge geladen. Vor Gericht stand seine Sekretärin, die damals 42jährige Ingrid Garbe, angeklagt der Spionage im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Jahrelang hatte sie Nato-Unterlagen, häufig mit der höchsten Geheimhaltungsstufe „Cosmic“ versehen, nach Ost-Berlin weitergeleitet – Dokumente über Truppenstärken, chemische Waffen, Neutronenbombe, Salt, Krisenplanung oder Rüstungsexport. Der Spionage-Zentrale waren diese Informationen insgesamt 500 000 Mark Spesen wert. Zuletzt bot die DDR der Spionin einen Dreijahresvertrag für 30 000 Mark. Ihr Motiv für den Landesverrat war allerdings nicht Geld, sondern angebliche Liebe.

In einem Tanz-Cafe in Hannover hatte sie die Bekanntschaft eines Dortmunder Blumenhändlers gemacht. Tatsächlich war der Mann DDR-Spion auf Agentensuche. Die Romanze endete in einer steilen Geheimdienstkarriere. Ingrid Garbe, Stenotypistin mit Hauptschulabschluß, lernte Fremdsprachen, bewarb sich im Auswärtigen Amt und avancierte zur Chefsekretärin in der Rechts- und Völkerrechtsabteilung. Schon dort hatte sie Zugang zu rund 4000 vertraulichen und geheimen Dokumenten. Ihre Chefs waren stets zufrieden mit ihr: „Auf die Loyalität und Diskretion von Fräulein Garbe ist immer Verlaß gewesen“, hieß es in einem Zeugnis, das sie nach Brüssel mitbrachte. Ein Oberst im Generalstab ergänzte später: „Sie verdient besondere Förderung.“ Niemand ahnte die verräterische Liaison der Bürokraft.

Ihr Liebhaber und Führungsoffizier Christoph Willer war ebenfalls nach Brüssel verzogen und hatte dort einen neuen Blumenladen eröffnet. Während eines Griechenlandurlaubs erhielt das Paar eine Warnung aus der DDR. Willer setzte sich ab. Ingrid Garbe kehrte jedoch nach Brüssel zurück und wurde verhaftet. 1980 wurde sie zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt.

Der Spionagefall folgte dem Szenario einer billigen Agentenschnulze: Einsames Herz verfällt eiskaltem Verführer, Liebe und Verrat, brennende Sehnsucht und tote Briefkästen. Dem Beau aus der DDR schien kein Abwehrmittel gewachsen: weder Aufkleber auf Politikertresoren („Offen gesagt, dieser Schrank muß zubleiben“) noch Sinnsprüche in den Büros („Spionage lohnt sich nicht“) oder strenge Überprüfungen. „Wir können ja nicht fragen: Mit wem schlafen Sie?“ resignierte ein Verfassungsschützer.

Als im März 1979 außer Ingrid Garbe fünf weitere Sekretärinnen aus deutschen Politiker-Büros als Spioninnen im Liebesdienst der DDR entlarvt wurden, verzweifelte selbst Richard Meier, damals Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz: „Bei einer starken Gefühlsbindung läuft bei diesen Frauen alles, auch der Verrat.“ Meiers Abwehrchef und Nachfolger Heribert Hellenbroich wußte zudem, daß „vor allem gutaussehende und kontaktfreudige Agenten vom DDR-Ministerium für Staatssicherheit gezielt im Großraum Bonn/Köln auf Sekretärinnenjagd geschickt“ werden. „Alleinstehende Frauen von dreißig an“ seien besonders gefährdet.

Zwei der auf die Christdemokraten angesetzten Sekretärinnen entkamen in den Osten: Inge Goliath, die zehn Jahre lang den (vor einigen Wochen gestorbenen) Bundestagsabgeordneten Werner Marx betreut hatte, und Christel Broszey, die zunächst den Generalsekretären Heck und Kraske und dann Kurt Biedenkopf gedient hatte. Sie verabschiedete sich freitags noch vor Büroschluß zum Friseur und tauchte in Ost-Berlin wieder auf. In ihrer Wohnung fand die Polizei ein Kopiergerät; ihre Nachbarn erklärten, sie hätten den Kopierlärm für die Spülmaschine gehalten, nachdem Broszey mit ihrem Freund Konrad Kipping ein ausgiebiges Menü gekocht hatte. Kipping war ein DDR-Agent, der unter dem Namen eines angeblich ins Ausland ausgewanderten Süddeutschen in Neuss-Kaarst lebte.