Ein Abschiedsbrief geht um die Welt. Die letzten Notizen aus einem Leben, das plötzlich im Fluge verlöscht. Der Schrecken scheint aus den fremden, verzerrt wirkenden Zeichen ablesbar: die flatternden Hände, der schlagende Puls, die hilflose Anspannung des Körpers gegen das Absacken in die Katastrophe, die im Zeitraffer heruntergespulten Lebenserinnerungen. Der Geschäftsmann Hirotsugu Kawaguchi, der den letzten Willen fand, seinen Terminkalender mit Worten an die Familie zu beschließen, gehört zu den 520 Opfern des japanischen Jumbos. 39 Minuten lang flogen die Passagiere sehenden Auges auf ihr Ende zu – 39 Stufen zum Abgrund.

Den Tod täglich vor Augen haben heute mehr gesunde Menschen als je zuvor, aber es ist nicht das eigene Sterben. Zerbombt in Beirut, erschlagen in Südafrika, verhungert in Äthiopien, hinweggerissen von einem italienischen Stausee – die Hölle erleben immer die anderen. So ist das Existenzgefühl am Fernsehschirm der Industrieländer. Doch das furchtbare Erleben vor dem Tode im japanischen Jumbo ist ein Schrecken, den wir bis unter die eigene Haut spüren können. Wir: die Billigflieger und Businessclass-Männer, die Urlaubspauschalisten und Konferenzstatisten. Der Gedanke läßt frösteln, wie schnell der künstliche Druck entweichen kann, unter dem all unsere muntere Mobilität gedeiht, die manchmal wenig über den Mut zum Leben und mehr über die Flucht vor dem Tode aussagt.

Wir würden Hirotsugu Kawaguchi, dem japanischen Jedermann, Respekt und uns einen Dienst erweisen, wenn wir seinen letzten Satz häufiger an den Anfang unseres Selbst-Bewußtseins stellen könnten: „Ich bin für mein bisher wirklich glückliches Leben dankbar.“ C. S.-H.