ZEIT: In jüngster Zeit hört man immer wieder, die Kernenergieindustrie favorisiere neuerdings sogenannte Mini -Reaktoren, mit denen das stagnierende Geschäft bei Kernkraftwerken belebt werden könnte. Ist ein solches Konzept realistisch?

Keller: Der Ausdruck Mini- oder Kleinstkraftwerke ist etwas irreführend. Kernkraftwerke lassen sich wirtschaftlich nur in größeren Einheiten realisieren. Mit steigender Leistung eines Kernkraftwerkes verringern sich die spezifischen Investitionskosten. Aus wirtschaftlichen, aber auch aus ökologischen Gründen wird man daher immer möglichst große Leistungseinheiten wählen. Die in den letzten Jahren in der Bundesrepublik in Betrieb genommenen und auch die noch im Bau befindlichen Leichtwasser-Kernkraftwerke haben daher eine elektrische Leistung von 1300 Megawatt. Das ist wirtschaftlich für die Bundesrepublik eine optimale Größe. Allerdings können auch kleine Anlagen interessant sein, dort wo man sich größere Kernkraftwerke nicht leisten kann oder aber dort, wo man nicht soviel Strom braucht.

ZEIT: Welche Größenordnung meinen Sie?

Keller: Eine Leistung von etwa 300 Megawatt ist die unterste Grenze dessen, was mit der herkömmlichen Technologie der Leichtwasserreaktoren wirtschaftlich vertretbar ist.

ZEIT: Gibt es eine Alternative, die kleinere Anlagen zuläßt?

Keller: Eigentlich sind nur geringe Verschiebungen nach unten denkbar, etwa mit der Technologie des Hochtemperaturreaktors. Dabei hat man eine Modulbauweise entwickelt, eine standardisierte Bauweise kleiner Reaktoreinheiten. Hier wird die Kostendegression nicht durch eine Vergrößerung der jeweiligen Blockleistung erreicht, sondern durch eine Aneinanderreihung standardisierter Modulreaktoren. Die aus unserer Sicht kleinste wirtschaftliche Anlage besteht aus zwei Modulen, sie bringen 140 Megawatt oder eine Wärmeleistung von 400 MW. Durch Zubau weiterer solcher Einheiten können die spezifischen Anlagekosten noch gesenkt werden.

ZEIT: Diese Anlagen hätten aber den Vorteil, daß sie sich mehr an dem tatsächlichen Strombedarf orientierten.