Von Gunter Hofmann

Zwei Bonner Sekretärinnen und ein Bundeswehrangehöriger sind verschwunden. Die Umstände sind noch ungeklärt, aber der Spionageverdacht erhärtet sich. Die eine Sekretärin, Sonja Lüneburg, arbeitete immerhin im Büro des Wirtschaftsministers und FDP-Vorsitzenden Martin Bangemann, die andere, Ursula Richter, die als Agentenführerin observiert wurde, für Herbert Czaja beim Bund der Vertriebenen. Bahnt sich da in der kleinen Stadt in Deutschland, dem Spionagenest John le Carrés, eine Agentenaffäre mit dramatischen Folgen an?

Einerseits hat man sich an Enthüllungen dieser Art in Politiker-Vorzimmern gewöhnt und möchte zur Tagesordnung übergehen. Andererseits ist über einen ähnlichen Fall der sozialdemokratische Kanzler Brandt gestürzt. Von dieser Erinnerung ist keine deutsch-deutsche Spionageaffäre mehr völlig zu trennen.

Wenn sich der Verdacht im Fall Sonja Lüneburg bestätigt, die 1966 ihre Identität gewechselt haben und unter diesem Namen aus Frankreich eingeschleust worden sein soll (ein ähnliches Muster wie bei Ursula Richter), dann hat das politische Brisanz. Die Fragen, die sich daran knüpfen, betreffen die Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten, aber auch das Verhältnis der Koalitionspartner zueinander.

Im Interesse der Pragmatiker und des auf deutschlandpolitische Kontinuität bedachten Flügels in Bonn – und Ost-Berlin – kann es kaum liegen, sich von einem Spionagefall aus der Fassung bringen zu lassen. Über den neuen Raketenzaun hinweg und trotz der kühlen Beziehungen zwischen Moskau und Washington haben Bonn und Ost-Berlin Kontakt zu wahren gesucht. Trotz aller Rückschläge waren Kompromisse möglich.

Zur Unzeit kommt die Spionageaffäre, wenn nun die hardliner sie als Vorwand benutzen können, um die ungeliebte Deutschlandpolitik endgültig zu konterkarieren. Umstritten war sie ohnehin in der Union. Jetzt scheint sich auch noch eine Koalition anzubahnen zwischen Alfred Dregger, der beim ersten Honecker-Besuchsplan dazwischenfunkte, und Heiner Geißler, der neuerdings zum Kreuzzug gegen die entspannungspolitischen „Neutralisten“ aufruft.

Es ist schon schwierig genug, eine solche Volte rückwärts zu verhindern. Aber wie lange hat es erst gebraucht, die deutsch-deutschen Beziehungen zu reparieren, die mit der Entdeckung Günter Guillaumes als „Kundschafter des Friedens“ so empfindlich beschädigt worden waren – von den bleibenden Verletzungen der betroffenen Politiker gar nicht zu reden. Nein, das Stück möglicher Kontinuität in der Deutschlandpolitik bleibt zu bedeutsam, als daß kleinere oder größere Spionageaffären es gefährden dürften. Zu Recht lassen die Politiker ihre Terminpläne unverändert. Franz Josef Strauß möchte demnächst Erich Honecker treffen, Willy Brandt plant die erste DDR-Reise nach seinem Sturz, der Besuch des SED-Chefs in der Bundesrepublik steht noch aus. Spionage bleibt ein Stück deutsch-deutscher Realität.