Unheilbare Krankheiten machen angst. Deshalb suchen Menschen nach Erklärungen, wie etwa im 19. Jahrhundert, als ein zu gefühlsbetontes und ausschweifendes Leben für die Tuberkulose verantwortlich gemacht wurde – bis dann Robert Koch 1882 die profanen Tuberkelbakterien entdeckte.

Heute umranken Mythen die Krankheit Krebs, werden alle möglichen und unmöglichen Mittel angepriesen. Ein „Medikament“, das immer wieder ins Gespräch kommt, ist die gesunde Psyche. Glückliche Menschen soll der Krebs eher verschonen, Krebskranke sollen länger und besser leben, wenn sie optimistisch sind und ihr Leben bejahen.

Das Reizthema „Krebs und Psyche“ nahmen amerikanische Forscher unlängst erneut unter die Lupe. Eine Ärztegruppe der Universität von Pennsylvania in Philadelphia um Barrie Cassileth untersuchte 204 Männer und Frauen, bei denen eine fortgeschrittene Krebserkrankung diagnostiziert wurde. Die Lebenserwartung dieser Patienten lag bei einem Jahr. Eine zweite Gruppe bestand aus 155 Männern und Frauen mit Haut- oder Brustkrebs. Hier überprüfte Cassileths Team, ob ein glückliches Leben einen neuen Krankheitsschub verzögert. Alle Patienten füllten Fragebogen aus; sie beantworteten Fragen zu sieben möglichen Einflußgrößen. Die abgefragten psychosozialen Faktoren sind in vielen Untersuchungen zur Lebenserwartung und zum Krankheitsverlauf allgemein als „aussagekräftig“ aufgefallen.

Einen positiven Einfluß schreiben Fachleute guten sozialen Beziehungen und einem glücklichen Familienleben zu. Pluspunkte bringt demnach „Zufriedenheit“. Je gesünder sich jemand fühlt, und je besser er oder sie mit einer Diagnose fertig wird, desto günstiger soll die Krankheit verlaufen. Negativ sollen Gefühle von Hoffnungs- und Hilflosigkeit und die Einnahme von Psychopharmaka zu Buche schlagen.

Ihre statistischen Auswertungen veröffentlichten die Krebsforscher im New England Journal of Medicine. In der Patientengruppe I waren bei Abschluß der Studie 154 Menschen verstorben, sie hatten im Schnitt knapp neun Monate überlebt. Ein Viertel der Männer und Frauen aus Gruppe II erlebte nach durchschnittlich einem Jahr einen neuen Ausbruch des Krebses. Auf diese Daten hatte die Punktezahl des Psychotests keinerlei Einfluß: Gleichgültig wie gut oder schlecht die psychische Verfassung des einzelnen Patienten war, er lebte nicht länger oder kürzer.

Cassileth kommentiert das Ergebnis sehr vorsichtig: „Unsere Untersuchung an Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen, die ein hohes Risiko haben, läßt vermuten, daß die Biologie der Krankheit allein die Prognose bestimmt und möglicherweise den lindernden Einfluß psychosozialer Faktoren überdeckt.“ Wird die Psyche vielleicht um so wichtiger, je weniger fortgeschritten der Krebs ist?

Die jetzt veröffentlichte Studie widerspricht einer allzu simplen Sicht: hie kranke Psyche, da Krankheit Krebs. Eine einfache Ursache-Wirkung-Beziehung besteht sicher nicht. Die Krebsforscher aus Pennsylvania warnen deshalb die Ärzte davor, die Lebenserwartung von Krebspatienten auf Grundlage der getesteten psychosozialen Faktoren zu berechnen. Die Studie will die Krebspatienten entlasten; sie sollen nicht länger mit der schlimmen Diagnose auch noch das Gefühl herumtragen, sie hätten versagt. Auch wer zufrieden ist, kann an Krebs sterben. Charlotte Kerner