Von Joachim Nawrocki

West-Berlin, im August

Rote-Kreuz-Heim in der Spandauer Streitstraße. Von der vielberedeten „Asylantenschwemme“ ist hier nicht viel zu sehen. In dem ehemaligen 700-Betten-Hospital sind 200 Asylbewerber untergebracht: 62 Tamilen aus Sri Lanka (Ceylon), die übrigen sind Perser. Im Kinderzentrum der Tamilen hängen Dutzende von hübschen, originellen Kinderzeichnungen. „Die können alle phantastisch malen“, sagt Heimleiter Peter Wittkop. Mittendrin ein makabres Bild: Soldaten stürmen ein Dorf, zünden Häuser an, drangsalieren Frauen; im Vordergrund liegt ein Mensch in seinem Blut – ein vierzehnjähriger Junge hat es gemalt, es gibt wieder, was er selbst erlebt hat.

Die Tamilen, die nach Deutschland kamen, wurden von den Behörden bisher in aller Regel als verfolgte Volksgruppe anerkannt. Das Oberverwaltungsgericht Berlin hat allen Asylbegehren stattgegeben. Aber der Bundesbeauftragte für politische Flüchtlinge hat dagegen Einspruch eingelegt, so daß selbst Tamilen, die schon jahrelang in Deutschland leben, immer noch nicht endgültig anerkannt sind. So wohnen sie nach wie vor in Heimen, werden von den Durchgangslagern in Berlin, wo sich wegen der einfachen Übertrittmöglichkeiten aus Ost-Berlin die meisten Asylbewerber melden, ins Bundesgebiet verteilt, haben meist keine Arbeitserlaubnis und keine Zukunft. Nur wenige finden Beschäftigung in den Heimen als Betreuer oder Küchenhelfer.

Bei einem tamilischen Mittagessen – die Köche besprechen den Speiseplan mit den Heimbewohnern – sprechen wir mit Para N., 46 Jahre, der seinen vollen Namen nicht gedruckt haben will, weil Frau, Schwester und Mutter noch in Sri Lanka leben. Er ist ein hochqualifizierter Mann, war Leiter eines städtischen Betriebes in Colombo. Weil die singhalesischen Beschäftigten in seinem Betrieb seinen Anordnungen nicht mehr folgten und ihn drangsalierten, wurde er 1981 aufgefordert, seine Arbeitsstelle zu verlassen. Eines Nachts wurde sein Haus von einer steinewerfenden, mit Messern und Keulen bewaffneten Menge zerstört. Die Familie lebte im tamilisch besiedelten Norden des Landes, weil sie da noch geschützter war. „Heute ist es dort auch nicht mehr sicher“, sagt Para N., „Polizei und Militär sind dort auch alles Singhalesen.“

Para N. arbeitet als Helfer im Heim; nachdem er nun ein eigenes Einkommen hat, würde er gern seine Familie nachholen, aber seitdem die DDR den Tamilen den Transit nach Berlin verwehrt, gibt es wenig Hoffnung mehr. Er selbst kam schon 1981 nach Berlin, auf Umwegen über Karatchi, Frankfurt, Prag, Ost-Berlin. Das hat ihn fünf Monatslöhne gekostet. Der Weg in die Sicherheit ist teuer.

„Die Familien verkaufen alles, um wenigstens das Leben ihrer Kinder zu retten“, meint Para N., denn es sind vor allem Jugendliche, die als Mitglied der militanten liberation tigers verdächtigt, ermordet oder willkürlich festgenommen werden und dann häufig spurlos verschwinden. Die Heimbewohner haben gerade in der Zeitung gelesen, daß in der vergangenen Woche bei Angriffen der Armee im Norden und Osten Sri Lankas mindestens 550 Zivilisten getötet worden seien. Jeder, der dort Verwandte hat, macht sich natürlich große Sorgen. Daß aus diesem Klima von Haß, Verfolgung, Mord und Pogrom die Menschen in Massen fliehen, ist nur zu verständlich.