Die Besucher von Schloß Versailles werden sich mit gemischten Gefühlen an die „Galerie des Batailles“ erinnern, die gegen Ende der Führung im Prinzenflügel zu besichtigen ist: eine Art Ruhmeshalle der Grande Nation, wo auf 33 Monumentalgemälden die siegreichen Schlachten der französischen Herrscher vom Mittelalter bis zu den Feldzügen Napoleons dargestellt sind. Die Massierung von Heldentaten, galoppierenden Reitern, blitzenden Schwertern, wehenden Fahnen und erschlagenen Feinden wirkt heute einigermaßen peinlich und ermüdend; auch weil es sich, was die Malerei angeht, nicht gerade um Meisterwerke handelt – bis auf die „Schlacht von Taillebourg“, die in ihrer erregten, flackernden Farbigkeit, der dichten Atmosphäre und einer leidenschaftlichen Dramatik, die alle Einzelheiten gleichermaßen durchpulst, dem Betrachter vor Augen führt, was ein großer Maler, was Delacroix mit dem Thema anfangen kann. Er hat das Bild 1837 gemalt, und weil er mit Recht darüber empört war, daß man sein Gemälde aus Raumgründen auf beiden Seiten beschnitten hatte, ist es leider sein einziger Beitrag zur Schlachtengalerie geblieben, die ausgerechnet der keineswegs militante Bürgerkönig Louis-Philippe als Glanzpunkt des von ihm initiierten Musée Historique eingerichtet hatte.

Diesem Museum, seiner Entstehung, seiner Vorgeschichte, den politischen Intentionen seines Gründers hat Thomas W. Gaehtgens, profunder Kenner der französischen Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts, eine gründliche, breit angelegte, spannende Untersuchung gewidmet, die wieder zeigt, wie sich aus einem relativ begrenzten Sujet ein großes kulturhistorisches Panorama entwickeln läßt. Zu dem Museumsprojekt des Bürgerkönigs bemerkt Gaehtgens, es sollte damit „unter dem Vorwand der Illustration von Geschichte ein auf die zeitgenössische Politik bezogenes Geschichtsbild vermittelt werden“, eine nicht nur für Versailles gültige, eine generelle Feststellung, auch wenn Parallelen zu den aktuellen Planungen, etwa dem von unserem Bundeskanzler für Bonn favorisierten Museum der Geschichte nicht ausdrücklich gezogen werden.

Die Schlachtenbilder werden einzeln und ausführlich in ihrer ideologischen Tendenz analysiert. Aber zugleich werden die Bilder einbezogen in die übergreifende Problematik der Historienmalerei des 19. Jahrhunderts, in der eine penetrante Detailgenauigkeit mit Heroisierung und Monumentalisierung der Geschichte eine merkwürdige Verbindung eingegangen ist. Keineswegs soll das Historienbild, dem in der Hierarchie der Bildgattungen bis ins 19. Jahrhundert der höchste Rang zugebilligt war, ästhetisch aufgewertet werden. Aber daß es als Zeitdokument, als Informationsquelle für das jeweilige Geschichtsbewußtsein heute wieder in den Blickpunkt gerückt wird, beweist neben zahlreichen Publikationen seine Präsenz in den Museen – die Neue Pinakothek in München beispielsweise hat diesem Genre ganze Säle eingeräumt.

Die Hoffnungen, die der Bürgerkönig, von Daumier als „Birne“ verspottet, an das Musée Historique geknüpft hatte, haben sich nicht erfüllt. Die Februarrevolution 1848 hat Louis-Philippe gezwungen, abzudanken und nach England zu emigrieren. Andererseits hat seine Idee, die ehemalige Residenz in ein Museum, ein Nationaldenkmal zu verwandeln, das Schloß Versailles davor bewahrt, abgerissen zu werden (in Ost-Berlin war kein Bürgerkönig zur Stelle, der das Berliner Schloß gerettet hätte).

Schloß Versailles, seine Architektur, seine Baugeschichte, seine Einrichtung, seine Kunstwerke werden im Text und in den Bildern dieser pompös ausgestatteten Publikation als historischer Background in die Betrachtung einbezogen. Das Vorwort schrieb der Chefkonservator des „Musée National du Château de Versailles“ Pierre Limoine.

(Thomas Gaehtgens: „Versailles als Nationaldenkmal – Die Galerie des Batailles im Musée Historique von Louis-Philippe“, Frölich & Kaufmann, Berlin, 1985, 406 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 198,– DM) Gottfried Sello