Bomben und kaltblütiger Mord: Die RAF-Terroristen schlagen immer brutaler zu. Ihre Aktionen richten sich vor allem gegen Militäreinrichtungen – Teil einer neuen westeuropäischen Terroroffensive gegen die Nato?

Acht Monate nach dem vereitelten Sprengstoffanschlag der Roten Armee Fraktion (RAF) auf die Nato-Schule in Oberammergau und ein halbes Jahr nach der Ermordung des Industriellen Ernst Zimmermann in Gauting bei München explodierte am 8. August auf der amerikanischen Rhein-Main Air Base ein mit Sprengstoff vollgepackten Personenwagen. Zwei amerikanische Armeeangehörige starben, 18 weitere Amerikaner und eine deutsche Frau wurden zum Teil schwer verletzt.

Zehn Minuten, bevor die Bombe auf dem Frankfurter Militärflughafen hochging, wurde in der Nähe von Wiesbaden die Leiche des 20 Jahre alten Edward Pimental, als Wartungstechniker in der US-Kaserne „Camp Pieri“ stationiert, gefunden. Zunächst sah die Polizei keinen Zusammenhang zwischen dem Mord und dem Bombenanschlag. Doch eine Woche später traf bei der Nachrichtenagentur Reuters in Frankfurt ein Brief mit dem in Plastikfolie eingeschweißten Dienstausweis Pimentais ein – zusammen mit einem Durchschlag des Schreibens, in dem sich ein „Kommando George Jackson“ der RAF und der französischen Terrororganisation „Action directe“ zum Attentat auf der Air Base bekannte.

Inzwischen zweifeln die Sicherheitsbehörden nicht mehr, daß Pimental umgebracht wurde, weil sich die RAF mit seiner Identifikationskarte Zugang zum Flughafengelände verschaffen wollte. Die RAF, vermuten Staatsschützer, habe beobachtet, daß am Tag vor dem geplanten Anschlag die Wachposten die Ausweiskontrollen verschärft hatten. Der Grund: Die Amerikaner suchten nach einem GI, der nicht zum Dienst erschienen war.

Der vorgesehene RAF-Täter benötigte den Dienstausweis eines Amerikaners, der ihm ähnlich sah. Die Terroristen fanden ihn in dem Brillenträger Pimental, der in der Wiesbadener Diskothek „Western Saloon“ von einer Frau und einem Mann angesprochen wurde, mit denen er später das Lokal verließ, offenbar in der Hoffnung auf ein Schäferstündchen.

Daß die RAF die 28 Jahre alte Andrea Martina Klump als Lockvogel auf ihn ansetzte, ist nach Ansicht der Bundesanwaltschaft „nicht unwahrscheinlich, aber es ist auch nicht sicher“. In einem Waldstück wurde Pimental brutal zusammengeschlagen, bevor ihn seine Mörder mit einem Genickschuß aus aufgesetzter Waffe regelrecht hinrichteten.

Der kaltblütige Mord an dem jungen Amerikaner hat nach dem Eindruck der Sicherheitsbehörden bei den Sympathisanten der RAF zu heftigem Streit geführt. Viele wollen nicht wahrhaben, daß der harte Kern der Terroristen, die sogenannte Kommando-Ebene, zu der zwanzig Personen gezählt werden, einen Menschen exekutiert, nur um an ein Ausweispapier zu gelangen. An Reuters, mutmaßen sie, sei lediglich eine Kopie, nicht aber ein Durchschlag des Bekennerbriefes von RAF und „Action directe“ gegangen. Fest steht indes, daß bei Reuters ein Durchschlag des Originals eintraf.