Der Verdacht wird stärker, daß Pflanzenschutzmittel doch die Massenvergiftungen in Spanien verursacht haben.

Von Andrea Ernst und Hans Weiss

Dieser Schritt ist völlig unbegreiflich.“ Der Pflanzenschutzleiter des englischen Chemie-Multis ICI, Jochen Berker, ist erschüttert über eine Entscheidung der Braunschweiger Biologischen Bundesanstalt: Das von ICI erzeugte Mittel „Actellic“, bisher gegen „beißende und saugende Insekten“ auf heimische Salate, Tomaten, Möhren, Gurken und Paprika versprüht, ist in Zukunft für diese Anwendung verboten. Lediglich als Vorratsschutzmittel in lagerndem Getreide, meinen die Zulassungsbehörden, sei das Risiko der Anwendung dieses Giftes vertretbar.

Ausgelöst wurde die Verkaufsbeschränkung durch einen Routinevorgang. Ein Jahrzehnt lang war das Mittel unbehelligt verkauft worden. Das „Standardprodukt gegen die weiße Fliege im Gemüsebau“, wie ICI-Manager Wilhelm von Zitzewitz das Mittel noch Ende April lobte, mußte sich nach Ablauf der im Pflanzenschutzgesetz vorgesehenen Frist einer erneuten Überprüfung stellen. Und fiel prompt durch.

Der Wirkstoff in „Actellic“ – ein Phosphorsäureester mit dem Namen Pirimiphosmethyl – erwies sich in den erneut durchgeführten Tierversuchen als problematisch. „Actellic“ macht auch vor menschlichen Nervenbahnen und Gehirnen nicht halt. Typische Krankheitsbilder bei akuten Vergiftungen sind Übelkeit, Kopfschmerzen, Sehstörungen und Krämpfe. Bei schweren Vergiftungen werden Gesichts- und Nackenmuskeln, aber auch die Gliedmaßen von Krämpfen geschüttelt. Die Betroffenen leiden an Erregungszuständen und sterben schließlich an Atemlähmung.

Phosphorsäureestern wie „Actellic“ wird nachgesagt, daß sie sich in Pflanzen relativ rasch in harmlosere Stoffe umwandeln und daher für Konsumenten von Gemüse und Salat ungefährlich sind. Doch laut Bundesgesundheitsamt können Rückstände dieses Giftes im Gemüse nicht ausgeschlossen werden. „Es gibt durchaus ein Rückstandsproblem bei diesem Stoff“, äußert sich der Toxikologe Professor Wolfgang Lingk vom Bundesgesundheitsamt in Berlin diplomatisch.

Der Direktor der Pflanzenschutzabteilung von ICI, Jochen Berker, weist diese Erkenntnis von sich: „Wir wissen, daß es keine gesundheitlichen Probleme mit, ,Actellic‘ gibt.“