In London wird demnächst massiv für deutsche Lebensmittel geworben – besonders für Wein

Es wird allerhand geboten: Mehr als 75 deutsche Weinfirmen offerieren dem britischen Fachhandel am 3. und 4. September im Londoner Royal Garden Hotel 750 verschiedene Weine zum Verkosten. Am 9. September beginnt das Londoner Büro des deutschen Agrarexports mit einer sich über fünf Wochen hinziehenden Fernsehwerbung für german food, begleitet von Sonderaktionen in Supermärkten und Preisausschreiben, in denen das Publikum Sauerkraut buchstabieren und die Frage beantworten muß, ob Düsseldorf, Heidelberg oder München die berühmteste deutsche Bierstadt ist.

Diese bisher größten Kampagnen für Erzeugnisse aus deutschen Landen auf dem wichtigen britischen Markt waren geplant und vorbereitet worden, lange bevor Diethylenglykol in aller Munde und auch in die britischen Zeitungen geriet. Für die deutschen Wurst- und Weinwerber gibt es aber nun kein Zurück mehr. Angriff gilt jetzt als die beste Verteidigung, obwohl er mit dem etwas mulmigen Gefühl vorgetragen wird, daß der fall out des Weinskandals die Reputation der deutschen Agrarprodukte erreichen und damit ihrem Absatz schaden könnte. Kurt Bettin, der Londoner Direktor der CMA (Centrale Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft) spürt jedenfalls „große Sorge“. Geoffrey Godbert, der für den Stabilisierungsfonds für Wein auf der Insel die Trommel rührt, gibt sich englisch gelassener.

Ein Blick in die Statistik zeigt, daß viel auf dem Spiel steht. Großbritannien ist mit weitem Abstand vor den USA der größte Auslandsmarkt für deutschen Wein. Fast jeder zweite Liter des deutschen Weinexports wird zur Insel verschifft. 1984 waren es 1,4 Millionen Hektoliter, fast vierzig Prozent mehr gegenüber dem Vorjahr. Der britische Finanzminister hat dabei mitgeholfen, weil er 1984 die Alkoholsteuer auf Wein als ersten Schritt in Richtung EG-Harmonisierung senkte. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Weinexport nach Großbritannien verachtfacht. Mit Befriedigung hebt der Weinbauverband hervor, daß die Ausruhr von Qualitätsweinen besonderer Anbaugebiete ganz besonders stark gestiegen ist, 1984 um nicht weniger als 65 Prozent auf gerade über eine Million Hektoliter mit einem Wert von 282 Millionen Mark.

„In den deutschen Weingärten scheint alles zu blühen“, bejubelte Godbert das Ergebnis einer Marktstudie, welche den deutschen Rebensaft mit einem Anteil von 30 Prozent an die erste Stelle in Großbritannien setzte. „Hock“ nennt man ihn hier, ein Kürzel, das sich einbürgerte, nachdem Königin Victoria vor über einhundert Jahren die Wingerte von Hochheim am Main besucht hatte. Um „Hock“ zu propagieren, hat PR-Mann Godbert einen Jahresetat von 360 000 Pfund zur Verfügung. Sie werden verwendet, um Gutes über deutschen Wein zu sagen, ihn in Bars und Gaststätten populärer zu machen und Weinkorrespondenten, eine für Großbritannien typische Kategorie von ausgepichten Fachjournalisten, in die Weinbaugebiete zu entsenden. Niemandem soll der Zugang zu den „Geheimnissen“ verwehrt werden, „die deutsche Weine einzigartig unter den Weinen der Welt gemacht haben verspricht der Werber.

Seit zum erstenmal das giftige Diethylenglykol in deutschen Weinen in Deutschland festgestellt wurde, verbreitet Godbert auch diese Informationen zusammen mit beruhigenden Kommentaren seiner Auftraggeber in Mainz. In britischen Labors wurden inzwischen acht deutsche und acht italienische Weine beanstandet. Godbert ist besonders erleichtert, daß keine „Liebfrauenmilch“ darunter ist. Denn diese billige Marke ist für viele Briten die erste Begegnung mit deutschem Wein.

Auf der dritten deutschen Weinmesse Anfang September in London werden auch erlesenere Tropfen vorgestellt werden. Godbert stellt sich vor, daß sie „in Anbetracht der Umstände“ von einem Zertifikat begleitet werden, welches besagt, daß es sich um „ehrliche deutsche Weine“ handelt.