Von Christian Graf von Krockow

Was tun, wenn ein bekannter Autor ermüdet und seine verdiente Ruhe haben will, aber der Verleger gleichwohl „den neuen X“ an die Markt-Front werfen möchte? Ein schlichtes Rezept bietet sich an: Man krame in Schubladen, nehme, was an Rundfunkmanuskripten, Vorträgen und allem Sonstigem sich da gesammelt hat; man binde es zusammen. Fertig ist das Buch! Nur sogenannte Festschriften sind schlimmer, Jubelkartelle im dritten Rang. Und nun dies:

Sebastian Haffner: Im Schatten der Geschichte – Historisch-politische Variationen aus zwanzig Jahren; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1985; 352 S., 34,– DM.

Ein wahrlich bunter Strauß: historische Betrachtungen, vom Nachleben Roms über die Pariser Kommune bis zum Septemberkrieg von 1939; politische Anmerkungen über den Erfolg des Grundgesetzes, über Ende und Fortgang der bürgerlichen Revolution, Deutschland zwischen den Supermächten, rechts und links; biographische Skizzen über Lenin, Mao, Churchill, Stresemann, Adenauer; bürgerliche Überlegungen zur industriellen Revolution, zum Abstieg des Mannes, zum Fortschritt, zur Zukunft.

Kühl also und skeptisch greift man zum neuen Haffner, blättert, liest, bloß zur Probe – und ist gefangen, kommt nicht mehr los. Diagnose: Haffner-Sucht; warum nicht mehr und immer mehr, warum bloß 350 Seiten? Grübelt man, durchnächtigt, den Ursachen dieser Sucht nach, so bemerkt man zunächst den Bann der Sprache. Hier ist einer, der schreiben kann, genau und lapidar, lebendig, geradeaus, glanzvoll einfach – ein großer Stilist, als sei er noch auf den Höhen des 19. Jahrhunderts zu Hause, Abkömmling Heinrich Heines, Mommsens, Bismarcks, Fontanes. Man möchte sich anschleichen, dem Kollegen über die Schulter schauen; begierig zu lernen: Wie macht er das?

Zum Exempel: Ein historisches Stichwort ist dem Sedantag gewidmet. Bekanntlich tun wir uns schwer mit Orten und Tagen des nationalen Gedenkens; immer geraten wir ins Stolpern, von Bergen-Belsen bis Bitburg, vom 8. Mai bis zum 17. Juni. „Aber der 2. September, Sedantag, mein Gott, da war wirklich noch was los! Das war eine Stimmung – ich finde für die heutige Zeit keinen anderen Vergleich –, als ob die deutsche Nationalmannschaft die Fußballweltmeisterschaft gewonnen hätte, und zwar jedes Jahr aufs neue.“ Und das auf dem Feld der Ehre! Man kann es nicht besser, nicht knapper sagen – und kaum doppelbödiger; der Vergleich schafft keinen Kurzschluß, sondern Erleuchtung. Alles ist heimlich oder unheimlich schon darin, vom Heldenglanz übers Biergetöse bis zum Katzenjammer in diesem unserem Land. Mit Haffner selbst zu reden: Ich finde das hinreißend.

Freilich ist Sprache nicht bloß Gottesgabe und Talent. Arbeit und nochmals Arbeit steckt darin, geduldiges Training, Erfahrung, Bildung – und Biographie. Daß Haffner es im Dritten Reich nicht aushielt und nach England emigrierte, hat nicht nur, aber gewiß auch mit einem Gespür für die Sprache zu tun, mit dem Ekel am Hitler-Deutsch. Und das Exil wurde zur Chance, zur harten, aber hohen Schule in der Begegnung mit englischer Sprachkultur, Rhetorik und Publizistik. Übrigens gilt nicht nur für Haffner, daß die Exilerfahrung der Sprache geholfen hat. Aber diese Erfahrung stirbt hinweg, und wie wenig wächst nach!