Von Benjamin Henrichs

Was ist das bloß für ein Stück? Wenn wir seinem Autor glauben, hat es Größeres nie gegeben: eine Schöpfungskomödie, eine Menschheitskomödie, ein Jahrhundertwerk. Doch wenn wir unseren eigenen bösen Ahnungen trauen, könnte es auch ein Tiefpunkt der Theatergeschichte sein, eine Schwachsinnskomödie, ein Jahrhundertunfug. Neun Jahre Arbeit hat das Stück seinen Dichter gekostet, acht Monate allein eine einzige, die sogenannte „Metternich-Szene“.

Metternich trifft Napoleon auf Sansibar. Caesar spielt mit, und Hitler, und Churchill. Aber auch Einstein und Madame Curie. Lady Churchill wiederum verliert ihren Hut ausgerechnet in dem Augenblick, in dem Metternich auftritt. Dann aber naht das Ende: „Churchill wacht auf in der Nacht/vor seinem Tod/und sagt nurmehr noch das Wort Elba/darauf wird es vollkommen finster.“

Was ist das bloß für ein Stück? In Gaspoltshofen, hören wir, soll es einen großen, einen geradezu rasenden Erfolg gehabt haben, das Menschheitsdrama, die „Geschichtsstandpauke“. Sollte Rolf Hochhuth etwa der Autor sein? Oder hat Johann Nepomuk Nestroy, gewissermaßen aus dem Grabe heraus, eine Parodie auf Hochhuths Historien geschrieben?

Wir werden es nie erfahren, was das für ein Stück ist. Das Stück hat zwar einen schönen Titel („Das Rad der Geschichte“), aber das Stück selber, das gibt es nicht. Immerhin sind einige faszinierende Sätze daraus überliefert. „Lörrach muß fallen.“ Oder; „Da haben Sie die vernichtete Menschheit.“ Und am Ende des Stücks muß es finster sein, vollkommen finster, sogar das Notlicht im Zuschauerraum muß gelöscht werden. Das kommt uns irgendwie bekannt vor.

„Das Rad der Geschichte“ ist kein Stück, sondern ein Stück im Stück. Sein Autor, Herr Bruscon, will es, von den Mitgliedern seiner Familie nach schwachen Kräften unterstützt, zur Aufführung bringen, heute in Utzbach, nachdem man kürzlich in Gaspoltshofen damit triumphiert hat.

Doch auch die Utzbacher werden „Das Rad der Geschichte“ niemals rollen sehen. Gerade, als die Aufführung im Wirtshaus zum Schwarzen Hirschen beginnen soll, setzt ein fürchterliches Gewitter das benachbarte Utzbacher Pfarrhaus in Brand, die Utzbacher Zuschauer stürzen davon; gegen das Naturschauspiel hat das Menschheitsdrama des Herrn Bruscon keine Chance. Zurück bleiben, vernichtet: der Künstler, des Künstlers Familie, die Kunst.