Mit Stoppuhr und Babybuch – Unsinnige Ratschläge für werdende Eltern

Von Rainer Luyken

Hilfe! Meine Frau ist schwanger. Ist das ein Grund zum Hilfeschrei? Haben wir nicht schon zwei Kinder vom zarten Babyalter bis zu ihrem zweiten, beziehungsweise fünften Lebensjahr gehegt und hochgepäppelt? Kinder ohne Fehl und Tadel. Kinder jedenfalls, an denen sich vom Standpunkt der Eltern aus nichts auszusetzen läßt.

Dennoch – mein Hilfeschrei hat seinen guten Grund. Erst jüngst ist es mir nämlich wie Schuppen von den Augen gefallen: In unserem aufgeklärten Zeitalter haben wir beide uns doch tatsächlich angemaßt, unseren Nachwuchs in völliger Ignoranz großzuziehen. Ohne alle Babybücher. Ohne Nachschlagewerke und Ratgeber. Ganz so, wie 25 Millionen Jahre Evolution und viertausend Jahre Kulturgeschichte uns den Schnabel und den Sinn haben wachsen lassen.

Da sind uns andere Elternpaare schon weit voraus – vor allem die werdenden. Bei noch kinderlosen Freunden in London fand ich kürzlich im Badezimmer – warum wohl im Badezimmer? – die ganze Bibliothek des Wissens. Hugh Jolly: Book of Child Care. Penelope Leach: Baby & Child. Dr. Miriam Stoppard: Baby Care Book. Alles Bestseller von respekteinflößendem Umfang.

Bei Verwandten in Hamburg gewann ich einen ersten Eindruck, was deutsche Verleger ihren vom vielbeklagten Kindermangel dezimierten Landsleuten so alles anbieten. Es scheint geradezu ein Naturgesetz zu geben, wonach die Zahl der Babybücher in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur Masse des Objekts steht.

„Die ersten 365 Tage im Leben eines Kindes“ von Theodor Hellbrügge und J. Hermann von Wimpffen bringen es lässig auf eine Startauflage von 370 000 Stück. Und der Rowohlt Verlag rückt dem kinderlosen Volk gleich mit einer ganzen Serie zu Leibe: Mit Kindern leben. Sechs Bände Elternbuch. Die ersten neun Monate des Lebens. Sexualerziehung. Naschen, trödeln, träumen. Eltern lernen Sexualerziehung. Und, und, und ... Jetzt gibt es sogar ein Buch übers Pieschen und Pinkeln: Schwierigkeiten und Erfolge beim „Sauber“werden.