Von Dietrich Schwarzkopf

Die medienpolitische Diskussion ist um einen neuen Schreckensbegriff bereichert: „Unterhaltungsterror“. Geprägt und zuerst verwendet hat ihn Werner Remmers, Vorsitzender der CDU-Fraktion im niedersächsischen Landtag: „Ich möchte vor einem seichten, öden und langweiligen Unterhaltungsterror bei den neuen Medien wie bei den alten öffentlich-rechtlichen Medien warnen. Ich warne auch vor einer Nivellierungskonkurrenz im vordergründigen Kampf um Einschaltquoten zwischen ARD und ZDF und zwischen öffentlichen und künftigen privaten Anbietern. Die privaten Anbieter tun gut daran, die Erwartungen derjenigen, die ihnen politisch die Tür geöffnet haben, richtig einzuschätzen. Wir erwarten Qualitätskonkurrenz und keine Billigkonkurrenz.“

Die Kritik aus dem Lager des journalistischen Geleitschutzes für die privaten Fernsehveranstalter ließ nicht lange auf sich warten. Der Medien-Informationsdienst „rundy“ attackierte Remmers unter der Überschrift „Die Angst der Kulturbeamten vor dem Publikum: Werner Remmers im Anti-Denver-Club“: „ARD und ZDF haben mit Dallas und Denver nichts anderes gemacht als Marktwirtschaft hergestellt. Was Remmers Nivellierung nennt, ist das Publikumsvotum, der freie Entscheid des von ihm selbst so gern zitierten mündigen Bürgers, der sich eben auf der Straße für Bild ‚ am Schirm für Dallas und im Kino für ‚Indiana Jones‘ entscheidet“. Konservative Lordsiegelbewahrer und linke Ideologie-Doktrinäre seien sich „eins gegen Amerika“.

Tatsächlich bildet sich in der Diskussion über die Rolle der Unterhaltung im Fernsehen eine eigentümliche Koalition heraus, deren Partner man freilich nicht so salopp kategorisieren sollte. Befürworter der Reinheit des öffentlich-rechtlichen Prinzips warnen ARD und ZDF dringend vor einer „Selbstkommerzialisierung“ und „Luxemburgisierung“ durch Überbetonung seichter Unterhaltung zu Lasten anderer Angebote. Diese Befürworter waren bisher nicht in erster Linie bei den Unionsparteien anzutreffen. Besorgte Warnungen sind auch von Mitgliedern der Aufsichtsgremien der Rundfunkanstalten zu hören, und zwar unabhängig von ihrer politischen Orientierung. Im Vordergrund steht dabei die Befürchtung, Kulturbeiträge könnten in die Nacht oder gar aus dem Programm verdrängt werden.

Auf Seiten der Unionsparteien hat sich der Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, Staatssekretär Stoiber, mit dem Stichwort „Selbstkommerzialisierung“ gemeldet. Auf dem Medienkongreß der CDU/CSU sagte er am 27. Februar in Mainz: „Ausgeschlossen ist eine beliebige Kombination der Vorzüge des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit den besonderen Möglichkeiten privater Programmveranstalter. Ich sage dies im Blick auf bestimmte Tendenzen bei ARD und ZDF, ihren besonderen Informations-, Bildungs- und Kulturauftrag zu vernachlässigen. Hier zeichnet sich mit dem Masseneinkauf ausländischer Filme, der Ausweitung von Unterhaltungsprogrammen bei gleichzeitiger Vernachlässigung der kulturellen Aufgaben eine Art von ‚Selbstkommerzialisierung‘ ab. Sie soll möglichen privaten Konkurrenten von morgen offenbar schon jetzt jeden denkbaren Raum der Entfaltung nehmen. Es ist geradezu grotesk, wenn diese Verhinderung von Wettbewerb und Konkurrenz auch noch aus allgemeinen Rundfunkgebühren finanziert wird.“

Es fällt nicht ganz leicht, diesen Vorwurf der „Selbstkommerzialisierung“ in Einklang zu bringen mit früher geäußerten Erwartungen jener politischen Kräfte, die kommerziellen Fernsehveranstaltern die Tür öffnen wollten. Ein Hauptargument war doch, erst das Hinzutreten kommerzieller Veranstalter lasse wirklichen Wettbewerb entstehen, und dieser werde auf die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten stimulierend und belebend wirken. Da die neuen Veranstalter genau wußten, was das Publikum wolle, müßten auch die öffentlich-rechtlichen Funkhäuser mehr Rücksicht auf die Zuschauer nehmen. Also Abkehr von Belehrung, Indoktrination, Trübsinn und Langeweile, statt dessen kräftige Hinwendung zur – Unterhaltung. Erst richtig eingeführter Wettbewerb werde so zum Wohle des Publikums stattfinden.