Zweitausend Geschichtswissenschaftler kamen in Stuttgart zum 16. Internationalen Historiker-Kongreß zusammen; zum ersten Mal seit 1908 findet diese Tagung auf deutschem Boden statt. In seiner Eröffnungsrede sprach Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Politik und über die Nation als „Fundament des Gemeinwesens“. Auszüge aus seiner Rede:

Unausrottbar scheint das Bedürfnis der Politiker zu sein, Geschichte für Zwecke der Gegenwart zu mobilisieren und zu ideologisieren. Ist schon für den Historiker die Gegenwart seine erste Geschichtsquelle, so ist erst recht für den Politiker die Vergangenheit immer wieder Rechtfertigungsgrund für seine heutigen Taten.

Ich selbst spreche als Politiker zu Ihnen und will meine Zunft nicht verteufeln. Der Politiker vertritt Interessen – und das ist legitim. Sein Geschäft zielt auf Wirkung in der Gegenwart, auf einfache zündende Argumente, auf die guten Aussichten in einer Zukunft und seiner Führung. Er übt das Reden, nicht das Zuhören.

Historisches Denken ist wesensmäßig auf Verstehen hin angelegt. So lehrt es uns, zu hören, zunächst unseren eigenen Ahnen zuzuhören. Der Historiker vermittelt uns Maßstäbe des Mißtrauens und der Zuversicht: Mißtrauen gegen die großen Entwürfe und versprochenen Paradiese, derer schon so viele in der Geschichte gescheitert sind; Zuversicht in die Offenheit der Geschichte, die uns nicht zu willenlosen Werkzeugen degradiert, sondern immer wieder die Chance zu neuen Entwicklungen bietet.

(Zu) Ihrem Ziel, „Ökumene der Historiker“ zu sein ... bedarf es zweierlei: – einer Atmosphäre des Respektes und der Offenheit, der Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung in Frieden – und der Treue zu sich selbst, zum eigenen festen Boden. Denn eine ökumenische Gemeinschaft ist nicht ein ineinander zerfließender Farbenbrei, sondern ein Mosaik, dessen kräftige Töne eigenständig erkennbar bleiben. Ökumene ist kein Niemandsland verblassender Standpunkte, sondern Kooperation verantwortlicher Positionen ... Wo finden sich die eigenen Positionen, zu denen die Treue lohnt, und die uns doch zur Zusammenarbeit befähigen, ja antreiben?

Wie steht es mit der Nation? Grillparzer hatte uns den Weg „von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität“ vorausgesagt. Die Geschichte, zumal in Europa, hat uns gelehrt, daß Nationen durch Überheblichkeit, durch Vorurteil und Haß zu Bestien werden können. Dennoch bleiben Nationen ein unumgänglicher, legitimer Gegenstand geschichtlicher Gedanken und politischer Aufgaben. Sie bieten auch heute den prägenden Rahmen der Zugehörigkeit der Menschen zu einem Volk, der Sprache und Kultur, der gefühlsmäßigen Zuneigung zu einer Existenz, die Treue begründet und rechtfertigt.

Wir wissen alle wohl, daß es heute gilt, Grenzen zu überwinden, den Grenzen ihren trennenden Charakter für die Menschen und die Problemlösungen zu nehmen. Das treibt die Nationen zwingend zur internationalen Zusammenarbeit. Diese Zusammenarbeit aber muß von Nationen geleistet werden. Keine andere Ebene kann sie ersetzen. Nur sie können zu Hause für die Bedingung der Freiheit sorgen. Nur durch ihren Beitrag können die Völker untereinander dem Frieden näherkommen.