Von Rolf Pauly

Konrad Adenauer hat sie fast gesammelt. Mehr als zwanzig Doktorhüte wurden ihm von in- und ausländischen Universitäten aufs Haupt gesetzt. So weit hat es „Enkel“ Dr. Helmut Kohl noch nicht gebracht: Er machte letztes Jahr in Tel Aviv seinen ersten Ehrendoktor und lolte sich in diesem Jahr einen zweiten von der amerikanischen Universität Maryland. Turnusgemäß, denn – wie verlautet – kann jeder CDU-Vorsitzende mit einer Promotion honoris causa aus Maryland rechnen. Dort (wie in dreizehn anderen Hochschulen des Auslands) wurde auch Willy Brandt mit dem Dr. h. c. bedacht. Und bei uns? Nachdem sich die deutschen Universitäten in den fünfziger Jahren mehr oder weniger spendierfreudig zeigten, begannen sie in den sechziger und siebziger Jahren auf Form zu achten oder es wenigstens zu versuchen: wissenschaftliche, künstlerische oder literarische Meriten müssen nun schon sein.

Heidelberg zum Beispiel vergibt die Auszeichnung für „wissenschaftliche Leistungen und Publikationen“. Auch an der weitaus jüngeren Technischen Universität in Berlin müssen „wissenschaftliche Verdienste und Errungenschaften“ nachgewiesen werden, vom Fachbereich oder dem Präsidenten der Hochschule – beide haben das Vorschlagsrecht. Zu den TU-Ehrendoktoren der frühen Nachkriegsjahre gehörte auch Adenauer. 1954 verlieh der damalige TU-Kanzler Otto Dahl dem damaligen Bundeskanzler als dem „zähen Baumeister eines Staatswesens“, dem „führenden Ingenieur, der die große Werkgemeinschaft des deutschen Volkes wiederaufgerichtet hat“, den Dr.-Ing. honoris causa, 2000 Studenten applaudierten, eine Handvoll „Kommunisten“ protestierten, wie der Tagesspiegel kritisch vermerkte. Zum Reigen der von der Berliner TU ausgezeichneten Politiker gehörte auch Sukarno (1956), von Haus aus Bauingenieur. Auch mit ihm wurde ein „Baumeister“ gewürdigt, diesmal einer des indonesischen Staates. Der bundesweite Strom locker vergebener Auszeichnungen ebbte danach langsam ab, bis ihn die Studentenbewegung Ende der sechziger Jahre fast ganz zum Versiegen brachte.

Heute ist man wieder auf Normalniveau. An der Berliner TU sind es etwa sechs bis sieben Ehrenpromotionen im Jahr. „Man traut sich wieder“, sagt Alfred Klein vom TU-Referat für die akademische Selbstverwaltung. Drei auswärtige Gutachter müssen den zu ehrenden Kandidaten für gut befunden haben. „Wie bei der normalen Promotion auch.“ Auch dies nicht selten bei Technischen Hochschulen: „60 bis 80 Prozent der Ehrungen geschehen im Rahmen der Wirtschaftskooperation.“ Die wissenschaftliche wird hier durch praktische Leistung wettgemacht, etwa durch ein neues Produktionsverfahren oder Erfindungen auf dem Gebiet der Sicherheitstechnik. Da ist der Ehrendoktor ranggleich mit dem selbsterworbenen Doktortitel. Um den Dr.-Ing. h. c. erweitert man seinen Briefkopf besonders gern.

Wer darf sich mit diesem Titel schmücken? Der Geschäftsführer der Lurgi GmbH in Frankfurt zum Beispiel, dessen „Beiträge zur Erforschung der Grundlage von Prozessen der Brennstoff- und Verfahrenstechnik“ ausgezeichnet wurden. Oder der Vorstandsvorsitzende der Saarbergwerke, der wegen seiner Verdienste auf nationaler und internationaler Ebene im Steinkohlebergbau und in der Energiewirtschaft geehrt wurde. Nicht selten setzt man hochrangigen Professoren gern noch das I-Tüpfelchen der Ehrendoktorwürde auf, wie beim Stuttgarter TU-Professor Friedrich-Wilhelm Bornscheuer für seine Verdienste „um die Sicherheit im Stahlbau“.

Wo es mit den wissenschaftlichen Leistungen hapert, besteht man zumindest auf „adäquaten Leistungen“, eine Formel, die übrigens bei Berufungen den Doktortitel ersetzen kann. Aber: „Es ist die Frage, ob die wissenschaftlichen Kriterien immer ernsthaft angelegt sind, oft gibt es auch diplomatische Gründe“, meint ein Professor einer westdeutschen Hochschule, der nicht genannt werden will. „Sie werden ein buntes Feld vorfinden.“

Bundesbankpräsident Pöhl und Christa Wolf mögen Welten trennen, aber beide eint ein (west)deutscher Ehrendoktor: Der Banker hat ihn aus Bochum, die Schriftstellerin aus Hamburg. Ein Mikrokosmos der besseren Gesellschaft spiegelt sich im Spektrum der Geehrten: Professoren, Industrielle, Politiker, Verwaltungsfachleute, Schriftsteller. Nicht selten aber wird auch zu Recht nachgeholt, was zu Unrecht versäumt wurde: An der jungen Universität Bochum zeichnete man am Fachbereich Journalistik den 80jährigen Publizisten Will Schaber aus. „Ein vorbildlicher Journalist, ein herausragender Exilant, der unter entwürdigenden Umständen in den USA lebt“, beschreibt der Vorsitzende des Promotionsausschusses Professor Koschick den Ehrendoktor. Er mußte 1933 vor den Nazis fliehen und lebt heute in New York. „Die Verhältnisse haben damals eine Promotion nicht zugelassen, wir haben als praxisbezogener Studiengang in ihm einen nichtangepaßten Journalisten geehrt.“