Von den zweitausend DDR-Agenten betreibt die Hälfte Industriespionage

Von Wolfgang Hoffmann

Franz-Xaver Königseder, Rechtsanwalt und einer der Sicherheitsbeauftragten am „Institut für Sicherheitsforschung“ in Feldkirchen bei München bringt das Problem auf einen knappen Nenner: „Die Gefahr ist erkannt, aber jeder hat die Hoffnung, daß er verschont bleibt.“

Die Gefahr, von einschlägigen amtlichen wie privaten Institutionen oft beschworen, ist an den jüngsten Bonner Spionagefällen wieder besonders deutlich geworden: Die Bundesrepublik ist ein Tummelplatz für östliche Spione. Aufträge und Ziele der gegnerischen Agenten sind klar umrissen: Die Ausspähung politischer, militärischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Geheimnisse sowie die Rekrutierung neuer Spione.

Mit etwa einem Drittel aller „Ausspähungsbemühungen“, wie es im Geheimdienstjargon heißt, rangiert die politische Spionage an der Spitze, gleich danach stehen Militär- und Wirtschaftsspionage mit jeweils rund zwanzig Prozent aller östlichen Spionageaktivitäten. Dabei sind die Grenzen zwischen militärischer und wirtschaftlich-wissenschaftlicher Agententätigkeit oft fließend; wer die Konstruktionsunterlagen eines Kampfpanzers frei Haus geliefert bekommt, wird die zivilen Anwendungsmöglichkeiten der militärischen Entwicklung nicht minder hoch einschätzen. Der ökonomische Schaden, den Spione der deutschen Industrie zufügen, geht in die Millionen.

Obwohl es über die östliche Industriespionage keine aussagefähigen Statistiken gibt, sind sich Fachleute darin einig, daß dieser Teil der Agententätigkeit steigende Tendenzen hat, zumal dann, wenn der Export „sensitiver Techniken“ strengen Kontrollen unterliegt.

Im übrigen hat die Wirtschaftsspionage längst ein biblisches Alter. Schon Moses schickte seine Kundschafter nach Kanaan und ließ dort die Herstellungsmethoden für Milch und Honig ausspähen. Und Chinas über Jahrtausende bestgehütetes Geheimnis der Seidenherstellung wurde schließlich doch noch entschleiert – 552 nach Chr. von spionierenden Mönchen des byzantinischen Kaisers Justinian I.