Auf der „Alten Mainbrücke“ von Würzburg fragte der Herr aus Kobe seinen Mitreisenden: „Ist dies nun die Weser?“ Der also herausgeforderte Globetrotter zog nachdenklich die Luft zwischen den Zähnen ein. Dann entschied er entschlossen: „Der Rhein.“

Wenn man in nur neun Tagen von Hamburg bis Füssen deutsche Kulturstätten abhakt, gerät man schon mal ins Schleudern. Die 24 Damen und Herren aus Nippon, die ich auf einem Teil ihrer „Package Tour“ durch die Märchenstraße und die Romantische Straße begleiten durfte, gehören zu den rund 400 000 Japanern, die die Deutsche Zentrale für Tourismus in Frankfurt in diesem Jahr erwartet. Ihre Reaktionen und Eindrücke wurden zu einem Beispiel en miniature für den Zusammenprall zweier Kulturkreise.

Ein geschmeidiger Aufprall freilich, psychischer Bambus im restaurierten deutschen Mittelalter. Gefühlvoll ließen sich dabei gegenseitige Klischees bestätigen, aber auch feine Kritik andeuten und Mißverständnisse taktvoll verundeutlichen. Etwa in dem profunden Urteil des älteren Beamten bei den städtischen Wasserwerken von Kobe: „Was mir an diesen kleinen deutschen Städten gefällt, sind ihre verhaltenen Farben, so harmonisch abgestimmt. Es ist ein Land, das wie künstlich kultiviert erscheint. Nichts ist dem Zufall überlassen. Es ist reinlich. Um so erstaunlicher, daß hier die Umweltverseuchung größer geworden ist als bei uns.“ Druckreif gesprochen und fein empfunden aus der Tiefe des fernöstlichen Beamtenherzen.

Der pensionierte Direktor eines weltweit bekannten Handelshauses – seine mehrjährige Filialleitererfahrung in London machte ihn zum Europaexperten der Gruppe – sagte dagegen unendlich viel mehr mit nur einem einzigen mokanten Lächeln. Das war in der Würzburger Residenz, im Treppenhaus des Balthasar Neumann mit seinem monumentalen Muldengewölbe, das als größte freitragende Dachkonstruktion jener Zeit das Interesse der japanischen Besucher freilich kaum berührte: eine technologische Leistung, gewiß – aber längst überholt. Nein, anregender war hier das Tiepolo-Fresko von der Huldigung der Erdteile:

Europa mit Afrika als Zentrum der Welt, Amerika ein Land der Wilden, und Asien – da beschränkte man sich auf etwas „Heiliges Land“ nebst einem Zipfel Türkei. Das war um 1720, da hatte Terashima Yoshiyasu bereits seine 105bändige Enzyklopädie veröffentlicht, Chikamatsu Monzaemon die erste Drehbühne in der Theatergeschichte der Welt erfunden, und Inamura Sampaku war dabei, das erste vollständige japanisch-holländische Wörterbuch fertigzustellen. Schon immer hatten die Japaner mehr über die Europäer und die Deutschen gewußt als umgekehrt. – Das alles und mehr lag in dem Lächeln des japanischen Handelsmannes unter dem Gemälde des Tiepolo.

Wenn Japaner reisen, dann ist das Bildungsstreben um seiner selbst willen. Selten sieht man Busladungen voll Reisender so emsig beschäftigt mit dem Kritzeln von Notizen. Überraschungen bleiben dabei nicht aus. In Bremen mußte sich schon so mancher Nippon-Tourist belehren lassen, daß das Märchen von den Stadtmusikanten, das er aus seinen Lesebüchern kennt, nicht japanischen Ursprungs ist. Ähnlich geht es ihm mit der Rattenfingergeschichte in Hameln, die ebenfalls ein Gemeinplatz japanischer Schulbildung ist. Indessen haben die japanischen Medien seit geraumer Zeit damit begonnen, sich der touristischen Attraktionen in der Bundesrepublik anzunehmen. Eine Bankangestellte aus Kioto hatte im zweiten Programm des staatlichen Senders einen Film über die Märchenstraße gesehen, in dem eine bekannte japanische Schauspielerin in einer Kutsche die Weser entlangtrabte und sich an „Doktor Eisenbarth“ delektierte oder sich unter die Zuschauer des Dom-Festspiels von Bad Gandersheim mischte. Um so enttäuschter war die Dame von der Bank, daß man in Alsfeld wegen Regens das Rotkäppchen auslassen mußte. Ein Rentner aus Yokohama – vor Jahrzehnten war er schon zweimal zu Geschäftsreisen nach Deutschland gekommen – hatte eine andere Sendung über den Rhein gesehen und beklagte sich über die Kameraführung, die sich nur an kunstgeschichtlichen Details festgebissen hatte und keinen Gesamtüberblick lieferte.

Japanische Touristen wissen inzwischen – über ihren traditionellen Bildungsvorsprung hinaus – besser Bescheid, was sie im deutschen und sonstigen Ausland erwartet. Vorbei sind die Zeiten, als das japanische Außenministerium für sie eigens eine Broschüre veröffentlichen mußte, wo innen in Wort und Bild demonstriert wurde, wie man sich im Ausland benimmt. Das Reise-Comic wurde zu einem Hit nicht zuletzt unter den Scherzartikelsammlern der Ausländergemeinden in Japan. Da wurde beschrieben, daß man westliche Toiletten nicht in hockender Stellung auf der Brille benutzt, daß es anstößig wirkt, wenn man beim Bezahlen in Geschäften sich halb entblößt, um die Geldkatze unter der Bauchbinde hervorzukramen, daß man es tunlichst vermeidet, im Yukata-Nachtgewand mit untergeschlagenen Beinen in den Sesseln der Hotelhallen Platz zu nehmen, daß man sich nicht – wie in Japan üblich – vor der Badewanne einseift und abduscht, um sich dann – gesäubert – im Badewasser zu erholen. Batterien von Hotels zwischen Hawaii und London hatten damals ganze Stockwerke wegen Wasserschäden restaurieren müssen, nachdem sie japanische Reisegruppen beherbergt hatten.