Hört, hört!: Books on tape
Im Zeitalter modernen Nomadentums geraten wir immer häufiger in Situationen, wo man nicht lesen, wohl aber hören kann: auf Autobahnen, an Sandstränden, im Bahnabteil, in Wartehallen, auf langweiligen Tagungen. Einen Walk man braucht man, eine schöne Kassette und schon fühlt man sich in jene Tage zurückversetzt, als die Mutter abends aus Büchern vorlas, die nie endeten.
Wie prägnant ist manchmal die englische Sprache: „books on tape“, wie umständlich manchmal die deutsche: „Literatur auf Tonkassetten“. In amerikanischen Buchhandlungen findet man „books on tape“ überall, in deutschen sucht man sie meist vergebens. Woran liegt das? Einerseits ist die Nachfrage offenbar gering. Andererseits hegen deutsche Buchhändler einen gesunden, in diesem Fall unbegründeten Argwohn gegen alles, was mit Unterhaltungselektronik zu tun hat.
Wie auch immer: Das Angebot an gesprochener Literatur ist reichhaltig. Insofern bedarf die Warnung vor den Produkten der Firma Ascolto (ZEIT Nr. 8, 15. Februar 1985) einer Ergänzung. Denn die Marktlücke, von der damals die Rede war, existiert nicht; viel eher handelt es sich um eine Informations- und deshalb Nachfragelücke.
Es gibt in Deutschland einige Verlage, die gesprochene Literatur produzieren. Etwa: „schumm sprechende bücher“ (Postfach 11 20, 7157 Murrhardt), Erika G. Freese (Potsdamer Str. 16, 1000 Berlin 45), „Moderne Medien“ (Emmeringer Str. 3, 8031 Eichenau) oder S-Press Tonbandverlag (Talsperrenstr. 21, 5600 Wuppertal 21). Die Liste ist nicht vollständig. Aber nahezu alles, was angeboten wird, ist erhältlich über die Versandstelle „Litraton“ (Adolfstr. 27, 2000 Hamburg 76), die auf Anfrage ihren dickleibigen Katalog mit etwa zweitausend Titeln verschickt.
Da findet man moderne Literatur von Ilse Aichinger und H. C. Artmann bis Gerold Späth, klassische von Brentano bis Stifter, Leichtes und Seichtes von Konsalik bis Thoma, da lesen Autoren selber (Karl Kraus, Elias Canetti, Peter Härtling, Paul Celan), da rezitieren berühmte Schauspieler (Attila Hörbiger, Josef Meinrad, Paula Wessely), da gibt es Dialektgedichte, Kabaretts, die Reden von Dutschke und die Kassette „Was ich zum Verständnis meines Hundes wissen muß“.
Stichproben ergaben folgendes: „Die Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff, sehr eindringlich und ohne theatralische Effekte (so daß die spröde Sprache lebendig wird) gelesen von Angelika Kaufmann in allerdings nicht sehr guter Tonqualität (Tegeder Kassetten); Kleists „Erdbeben in Chile“, etwas Mai und leidenschaftslos gelesen von Andreas Fischer (schumm); Hauptmanns Andreas Fischer Thiel“, die immer noch spannungsgeladene Novelle, gesprochen von Wolfgang Büttner (schumm); Goethes „Hermann und Dorothea“, kunstvoll schön mit Gert Westphal (Freese); „Reineke Fuchs“, rezitiert von Heinz Rühmann, der mit ersterbender Stimme den Kummer Henning? des Hahns spricht und boshaft lispelnd Grimbart den Dachs gibt, in leider drastisch gekürzter Fassung und mit einer völlig entbehrlichen, aufdringlichen Musik (Orfeo); schließlich Gerold Späths „Commedia“, gelesen vom Autor selbst, mit schweizerisch krachender Stimme (Freese).
Die Preise schwanken: 190 Minuten „Der Richter und sein Henker“ von Dürrenmatt für 30 Mark, 125 Minuten „Judenbuche“ für 24 Mark, 111 Minuten „Hermann und Dorothea“ für 45 Mark. Die Qualität der Kassetten schwankt ebenfalls: nicht immer ist der Sprecher aufgedruckt, oft sind die Texte gekürzt. Die Angaben im Litraton-Katalog scheinen zuverlässig. Grn.




