Vor zehn Jahren, 1975, kündigte Rudolf Walter Leonhardt in dieser Zeitung eine Serie zur „Deutschen Zeitenwende 1945“ an und schrieb selbst den Artikel „Als Deutschland ein Straflager war“. Es folgte ein Beitrag von Werner Klose, „Helm ab, wir wollen studieren“. Zwei Berichte von jungen Männern, die sich quer durch Deutschlands Trümmerland nach einem Ort durchschlugen, wo ihr Nachkriegsleben beginnen konnte. Im dritten Artikel beschrieb ich, wie ich 1944 zum Reichsarbeitsdienst (RAD) eingezogen wurde, im November nach Oberschlesien kam, und was geschah, bis ich im Herbst 1945 endlich wieder zu Hause war.

Manche, etwa gleichaltrige Leserinnen schrieben damals: „Ja, so war’s, genau so.“ Ehemalige RAD-Führerinnen schrieben, ich sei ein Nestbeschmutzer. Eine Verlagsleiterin schrieb, aus diesem Stoff müsse man ein Buch machen. Das Buch begann ich zu schreiben. Ein Schuhkarton mit Briefen und Zeichnungen, die ich aus dem RAD-Lager in Oberschlesien so lange nach Hause geschickt hatte, wie es möglich war, und Bruchstücke eines Tagebuchs waren zufällig erhalten. So konnte ich genau beschreiben, was Arbeitsdienst-Maiden damals gegessen und getragen hatten, wie Tageslauf und Lagerleben, Außendienst und Freistunden verlaufen waren. Das Buch kam unter dem Titel „Sonderappell“ 1978 im Wiener Ueberreuter-Verlag heraus.

Viele Leserinnen schrieben wieder: „Ja, genauso war’s, das ist das Buch unserer Generation, und ich habe es gekauft, damit meine Kinder wissen, wie wir damals gelebt haben.“ Eine Leserin, Lilo W., fragte mich nach dem Namen des RAD-Lagers und meiner Lagerführerin. Als ich erwiderte, den Namen der Führerin hätte ich vergessen und warum sie den meines Lagers wissen wolle, schrieb sie postwendend zurück: „Ich selbst war von 1937 bis 8. Mai 1945 Arbeitsdienstführerin ... wir haben auf Grund unserer sachlichen, wissenschaftlichen und durch Quellen belegten Darstellung in der Dokumentation die Möglichkeit, die Verhältnisse im damaligen Arbeitsdienst zu überprüfen ... Da Ihr Buch auch unsere verlorene Heimat Schlesien betrifft, wären wir Ihnen sehr dankbar, wenn Sie und Ihre Altersgenossinnen sich an die Namen der Arbeitsdienstlager in Oberschlesien erinnern könnten. Ich bitte Sie, meine Fragen nicht falsch zu verstehen ... Wäre Ihr Verlag bereit, auch wahrheitsgetreue Berichte zu veröffentlichen?“

Schon Tage später kamen nicht nur mehrere Bücher und Broschüren über den weiblichen Arbeitsdienst in Schlesien und Pommern, sondern abermals Briefe von RAD-Führerinnen, die „seinerzeit den Arbeitsdienst aufgebaut hatten“, Berichte also „von Führerinnen der ersten Stunde“ (Geburtsjahre 1905, 1901, 1903, 1895, freilich auch 1914 und 1915 und 1922). Eine schrieb: „Ich kenne Ihr Buch, das mich sehr interessierte – aber auch bedrückte. Wir Arbeitsdienstführerinnen waren uns einig, daß wir den RADwJ so nicht wollten, wie es sich im Krieg wohl unvermeidlich entwickeln mußte. Unsere große Sorge war, ob es ‚danach‘ möglich sein würde, ihn wieder zu dem zu machen, wie er einmal konzipiert war – und wie er von uns bejaht wurde ...“

Diese Bücher und Broschüren haben die verschiedenen Autorinnen meist im Eigenverlag und in den letzten zehn oder zwanzig Jahren herausgebracht. Es sind Erinnerungsbücher, in denen die alte Organisation beschrieben wird und in denen in Aufsätzen von ehemaligen RAD-Maiden und Führerinnen noch einmal das Bild der – wie es als Abschluß meistens heißt – „schönsten Zeit meines Lebens“, auf jeden Fall „der sinnvollen Tätigkeit“ beschworen wird.

Ein Buch ist eine durch ein paar Seiten ergänzte Neuauflage einer Propagandaschrift aus dem Verlag „Der nationale Aufbau“. Der Titel lautete 1941: „Ich war Arbeitsmaid im Kriege.“ Der Titel lautet heute, von der gleichen Person herausgegeben: „Wir erinnern uns.“

In dem umfangreichen Paperback „Mein Herz war in Pommern“, 1980 erschienen, kommen zahlreiche RAD-Führerinnen zu Wort, Gebietsführerinnen, Stabsführerinnen, Leiterinnen von Führerinnen-Schulen, Leiterinnen der Reichsführerinnen-Schule, Amtsleiterinnen des Amtes für Erziehung und Ausbildung bei der Reichsarbeitsdienstleitung in Berlin, Sachbearbeiterinnen für Presse und Propaganda und an der Reichsarbeitsdienstleitung für Organisation des Kriegshilfsdienstes oder an der Abteilung für Erziehung und Ausbildung an der Reichsarbeitsdienstleitung.