Freigegeben zur Anbetum
Zwischendrin der Saal mit der „Donation Picasso": Bilder von Cezanne, Renoir, Matisse, Derain, Braque, Miro und Rousseau. Ein Skulptureninnenhof und ein Skulpturengarten. Im oberen Stockwerk die Graphik. Das Museum präsentiert sich als lockere Abfolge von hellen, weißen Räumen, Fluren, Treppen, Baikonen, Rampen und Nischen. Die angenehme, in der Raffinesse mitunter auch etwas komplizierte Lichtführung fügt sich der herrschenden Gravität des Hauses - wie auch die vom Giacometti-Bruder Diego entworfenen Sitzmöbel und Lüster.
Das Museum als Andachtsstätte. Picasso zur Adoration freigegeben. Man betritt den Tempel, der mit seinen halbrunden Seitenflügeln sich hermetisch vom Quartier abgrenzt, über eine Prunktreppe, die geradewegs auf eine Galerie zuführt, wo Picassos statuarische Rötelzeichnung „Drei Frauen am Brunnen" (1921) ihren Ruheplatz zwischen dem alten Figurenschmuck der Wand gefunden hat. So, als habe der Baumeister Jean Boullier schon 1656 an die spätere Bestimmung gedacht. Das Signal ist unmißverständlich, und der Rundgang zwingt dann nie zur Revision des ersten Eindrucks: Wallfahrt zu Picasso.
Durch die Darbietung der Bilder und Skulpturen als allemal gleichrangige Preziosen und durch die artifiziell erhabene Stimmung wird allerdings auch geschickt camoufliert, daß die sich ablösenden Werkphasen meist vorbereitenden Charakter hatten, daß sie in fast allen Fällen auf eine abschließende Bildsumme hintendierten, auf berühmte Bilder wie „La vida", „Demoiselles d'Avignon" oder „Guernica", und daß solche Schlüsselarbeiten eben in dieser Sammlung fehlen. Im Verständnis der neuen Picasso-Weihestätte fallen die Gelenkstellen zwischen den Werkabschnitten mit biographischen Zäsuren zusammen, werden die Brüche und Neuorientierungen der künstlerischen Arbeit vor allem von der erotischen Energie induziert, die den unersättlichen Liebhaber Picasso ja offenbar nie verlassen hat. Schrifttafeln leiten die Räume ein, auf denen - wenn irgend möglich - das chronologisch gültige Damengambit verhandelt wird. In dieser Reprivatisierungstendenz steht mächtig, übermächtig der Titan auf, der sich allein aus sich und seinen nie versiegenden Kraftressourcen nährt. Dem Picasso, der sich, ohne die Erlebnisund Erkenntnisdiffusion der Moderne zu leugnen, noch einmal an ein umfassendes Menschenbild wagte, der gegen die Strategien und Ideologien seiner Zeit Visionen setzte, gegen die Psychologie den Mythos, gegen die Wissenschaft den Traum und gegen den konservativen Pessimismus die Neugier spielerischer Erfahrung - dem vielleicht letzten Universalisten der Epoche gilt die grandiose Reverenz dieses Museums entschieden weniger als dem einsamen Genie. Und der Gang durch dieses Museum ist, so scheint es, angelegt wie zur Genesung von der uralten Sisyphos-Depression: Es ist eben doch nicht immer alles vergeblich und führt auch einmal zu einem guten Ende. (Der Katalog erschien in deutscher Übersetzung im Prestel-Verlag, München, zum Preis von 78,- DM).
zur Rückkehr in die römisch-katholische Kirche auf: „Aber die Bibel ist katholisch! . . . sie annehmen wie sie ist, . . . bedeutet also in den Katholizismus eintreten."
3. Das Mittelalter (und der bayerische Katholizismus) wird verschiedentlich als Vorbild hingestellt: „Die große Tradition der Kirchenväter und der Meister des Mittelalters waren für mich überzeugender" (als Reformation und Moderne); mittelalterliche Bräuche und Auffassungen - nicht nur Ablaß, Rosenkranz, Fronleichnamsprozession und Zölibat, sondern auch die Überhöhung Mariens („über Maria nie genug!"), Marienerscheinungen (das obskure „Geheimnis" von Fatima) und die inferiore Stellung der Frau - werden von Ratzinger wieder als wesentlich katholisch empfohlen.
4. Jegliche moderne Interpretation problematischer Kirchendoktrinen - von den persönlichen Teufeln und Schutzengeln und der Erbsünde über bestimmte Christusund Kirchentheorien bis hin zu den „letzten Dingen" - werden, unbekümmert um die Ergebnisse der (angeblich immer ideologischen) historisch-kritischen Bibelforschung und Dogmengeschichte, mit einer unbegründeten Berufung auf die „Einheit von Bibel und Kirche" und eine angeblich einheitliche kirchliche Tradition abgelehnt und so die Schrift als, kritische Norm für Kirche und nachbiblische Tradition faktisch verabschiedet („allein die Tradition"!).
5. Das Vatikanum II hat nach Ratzinger kaum Gutes gebracht, sondern mit viel „Abwegigem" und „Schrecklichem" einen „fortschreitenden Verfallprozeß" eingeleitet, wogegen er integralistisch die „volle und integrale Katholizität" und eine „recentrage", also eine „Wiederzentrierung" auf Rom. (und gegen die Bischofskonferenzen auf den
- Datum 4.10.1985 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.10.1985 Nr. 41
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