Von Ulrich Stock

Seit 1960 hat die Deutsche Bundesbahn auf 419 Nebenstrecken den Personenzugverkehr eingestellt. Sie will ihr Defizit verringern, das allein im vergangenen Jahr 3,12 Milliarden Mark betrug. Die Konsequenzen der rigorosen Angebotsbeschränkung auf dem Lande spüren nur diejenigen, die auf die Bahn angewiesen sind: Arme und Alte, Schüler und Pendler, Umweltschützer – Leute also, die kein Auto fahren können, dürfen oder wollen.

„Wie sich die Bahn ihren typischen Nebenstreckenkunden vorstellt“, beschrieb Nebenstreckenkunde Bernward Pohlmann aus Arolsen in einem Brief an die ZEIT: „Unabdingbar ist jene tibetanische Gelassenheit, die fehlende Anschlüsse und Umwege mühelos hinnehmen läßt. Der Kunde darf auch keiner geregelten Arbeit nachgehen wollen und muß zugleich Frühaufsteher sein. Prädestiniert sind Pensionäre oder andere Leute mit grenzenloser Freizeit.“

Zur Illustration dieser Definition einige Beispiele aus Schleswig-Holstein:

  • Anderthalb bis zwei Stunden braucht man für die sechzig Kilometer lange Strecke von Neumünster nach Heide, weil die Bahn die Gleise verrotten läßt und Uralt-Schienenbusse einsetzt. Im Volksmund heißen sie „Schienengurken“. Sie sind stinkig, zugig und laut. Einziger Grund einzusteigen: Der Bus ist noch länger unterwegs.
  • Vier bis sieben Stunden braucht man für die 134 Kilometer von Heide nach Lübeck. Die Bahn rät zum 57 Kilometer längeren Weg über Hamburg. Braucht nur drei Stunden, kostet aber elf Mark mehr.
  • Lange Zeit gut befahren war die Strecke von Neumünster nach Bad Segeberg. Bis der Fahrplan geändert wurde: Der Zug fuhr morgens nun 20 Minuten später, zu spät für die Pendler. „Die 20 Minuten stand der Zug in Neumünster auf dem Bahnhof“, erinnert sich ein Lokführer, „und keiner wußte warum. Da haben wir auch gemeckert.“ Zwecklos. Vor einem Jahr wurde die Strecke stillgelegt.
  • Etwas Farbe in die tristen Provinzbahnhöfe bringen die Hochglanzprospekte, die jetzt für „die neue Bahn“ werben, für „Rail & Road“, für „Rail & Fly“. „Nach Gran Canaria“, wird dort empfohlen, „fahren Sie am besten mit der Bahn. Oder nach Tokyo, New York oder auf die Bahamas.“ Schön und gut. Aber wie kommt man abends am besten von Brunsbüttel nach Kiel – 135 Kilometer? „Das geht durchaus mit öffentlichen Verkehrsmitteln“, spottet die Journalistin Barbara Kotte, die für den schleswig-holsteinischen Fremdenverkehrsverband arbeitet, „wenn man zwischendurch übernachtet“, „Rail & Sleep“ gewissermaßen.
  • Die komplizierten Öffnungszeiten des Wankendorfer Bahnhofs waren zuletzt mit Filzstift auf die Eingangstür gekrakelt. Die Schalterhalle: fahl und düster. Neben dem Fahrplan wies eine gilbe Photokopie die „verehrten Fahrgäste“ darauf hin, daß der Zug zwischen Neumünster und Ascheberg vom 29. September an nun gar nicht mehr fährt. Fahrschüler fragten den freundlichen Bahnbeamten nach dem Busfahrplan. „Ich hab’ leider nur einen“, sagte er, „den könnt ihr euch ja abschreiben.“ Schon Wochen vorher hatte er, als Privatmann – „nicht als Beamter, da hätte ich nur Ärger gekriegt“ – an die Busgesellschaft geschrieben, „wann und wo sind die neuen Fahrpläne erhältlich?“ Die Antwort ließ auf sich warten.
  • Heinz Marquard fährt seit neunzehn Jahren mit der Bahn morgens von Malente die 42 Kilometer zur Arbeit nach Neumünster. Von Tür zu Tür braucht der Ingenieur eine Stunde und fünfzehn Minuten. Mit dem Wagen wäre er eine halbe Stunde schneller, doch statt 180 Mark für die Monatskarte müßte er ungefähr das Doppelte für das Auto rechnen, 200 Mark allein für die 160 Liter Benzin. „Und die Fahrt ist viel anstrengender, ich muß ja aufmerksam sein.“ Weil er von Ascheberg nach Neumünster jetzt den Bus nehmen muß, braucht er eine halbe Stunde länger. Wie es im Winter werden soll, auf verschneiten Wegen, daran mag er noch gar nicht denken. „Warum fährt der Zug nicht mehr?“ fragt er. „Der war doch morgens immer voll!“ Daß bei der Bahn mit anderen Maßstäben gemessen wird, weiß er wohl: Jahrelang mußte er beim Umsteigen in Ascheberg 25 Minuten warten, weil der Anschlußzug fahrplanmäßig gerade abgefahren war.

Die Liste grotesker Beispiele ließe sich verlängern. Die Frage ist: Muß das alles so sein? Muß das Angebot der öffentlichen Verkehrsmittel auf dem Land immer lächerlicher werden? Stimmen dagegen gibt es genug. Betrachten wir die Strecke Neumünster-Ascheberg, auf der am vergangenen Sonnabend der letzte Personenzug abfuhr.

Seit zehn Jahren wird von ihrer Stillegung geredet. Als die Bahn 1982 das „Verfahren zur Einstellung des Reisezugbetriebes“ offiziell einleitete, gab sie als Grund an: Um 45 Prozent sei die Zahl der Fahrgäste von 1976 bis 1981 zurückgegangen. Die CDU der Stadt Wankendorf glaubte nicht an den Schwund. Sie zählte drei Wochen lang selbst. Ergebnis: Der Rückgang betrug nur fünf bis acht Prozent, täglich waren immer noch 700 Reisende auf der 23 Kilometer langen Strecke unterwegs. Fazit der CDU: „Es werden der Öffentlichkeit bewußt falsche Zahlen geliefert.“