Von Felix und Salvator Zeithistorisches Patchwork
Peter Härtling zwischen Finden und Erßnden: „Der spanische Soldat" und „Felix Guttmann'
Denn ich möchte verstanden werden": Unbeirrbarer Wirkungswille prägt das Werk Peter Häftlings. Dieser beharrlichste Beiträger zur deutschen Gegenwartsliteratur publiziert, ungeachtet aller Irritationen, Band um Band, empfindet gewandt die neueste Stimmung nach - den Neo Jakpbinismus in „Hölderlin", den Ökologismus in „Windrad". Wenn der Schriftsteller aber, von Anmutungen an die Schrecken von Hiroshima affiziert, in dem Band „Der spanische Soldat einräumt, „was wir herkömmlich unter Literatur verstehen, endet hier", zieht er zwar selbstkritisch den Schluß, daß das „vertraute Widerspiel von Finden und Erfinden" gegenüber solcher Realität versage, bleibt nach betroffenem Raunen jedoch bei seinem poetischen Leisten. Härtling nimmt sich vor, die Geschichte, die ein Foto „wortlos" überliefen, zu erzählen. Das Bild zeigt einen Soldaten im spanischen Bürgerkrieg im Augenblick seines Todes; Robert Capa hat es aufgenommen. Es regt Härtling an, nach zwei Menschen zu suchen: „dem, der so kaltblütig war, auf den Auslöser seiner Kamera zu drücken, und dem, der, von einer Kugel getroffen, im Lauf innehält "
Vier Vorlesungen lang beschreibt der Dozent seine Poetik des Findens und Erfindens, exemplifiziert sie an Fontanes „Effi Briest", einem unzweifelhaft gelungenen Muster, fordert dann, bei der Erwägung, wie sich Krieg und Frieden von Homer bis Nicolaus Born in der Literatur darstellten, eine neue Ästhetik: „Vielleicht sollten wir die traditionellen Formen und Formeln vergessen, uns nicht mehr um die hohe Sprache und den tiefen Sinn bemühen, sondern uns auf den Schmutz der vielsprachigen Sprachlosigkeit einlassen Im Blick aufsein eigenes Vorhaben indes zaudert Peter Härtling: „Mir wird nichts anderes übrig bleiben, als es so zu tun wie immer, wie ich es Kenne und kann, nach den Mustern, die ich geübt habe, mit der Sprache, die ich halbwegs beherrsche, in den Bildern, die wir verstehen "
Es kommt, wies zu fürchten war: Jenen Capa, den Härtling erzählen will, findet er nicht. Das Foto, das der Reporter schoß, fügt sich nicht so schlüpfig in das Leben des Bildberichters, wie Härtung es sich wünscht: Zu finden war wenig, der Erfinder tragt die ganze Last. Es bedarf kräftiger Retuschen, den historischen Capa zum Menetekel Reporter zu läutern, dessen eigenen Tod (er trat auf eine Mine) Härtling schwülstig antizipiert: „Wieder hatte er die Kamera vor Augen und wurde in einen Wirbel von Stille gerissen. Das würde nie enden, bis er sich mit dem Soldaten vereinte, von dem er nichts kannte als seinen Tod " Härtlings ausgetüftelte literarische Demonstration, bei der die Versuchsanordnung stimmt, nur die Reagenzien unglücklich gewählt zu sein scheinen, war ein Publikumserfolg. Beim Nachlesen allerdings wirkt die Frankfurter Poetik Vorlesung wegen erwiesener Feigheit vor neuen Erzählweisen nur noch betulich.
Finden und Erfinden, Erinnern und Nachprüfen der Erinnerung scheinen in Härtlings neuestem Roman geradezu mustergültig zu funktionieren. Das Erzählwerk ist noch flotter gewerkelt als frühere Arbeiten, seine Machart noch auffälliger ausgestellt. Auch die Themata des jüngsten Titels sind seit „Zwettl" oder „Nachgetragene Liebe" geläufig: Vatersuche, Annäherung an einen sich Entziehenden, die Dialektik von rigidem Engagement und kritischer Verweigerung, von Parteinahme und beobachtender Distanzierung, von Widerstand und Erdulden.
Der Ich Erzähler (unverkennbar Peter Härtling, der sich insistierend einbringt) geht von der Persönlichkeit eines ihm nahestehenden und doch fremd gebliebenen jüdischen Anwalts aus. Um mehr über diesen liebenswert rätselhaften Mann zu erfahren, der sich so beharrlich über seine deutsch jüdischen Erfahrungen ausschwieg, über seine Flucht nach Palästina seine Existenz dort und die Motive seiner Rückkehr, konfrontiert er den erinnerten und dokumentarisch faßbaren Freund einem erfundenen Doppelgänger, den er, Der Erzähler imaginiert die Kindheit des kleingewachsenen Mannes in Breslau, das Milieu in Guttmanns liberalem Vaterhaus. Die Mutter spielt keine Rolle. Der Tuchhändler Guttmann fühlt sich als Deutscher, den zionistischen Eifer seines orthodoxen Freundes Jona erduldet er. Dieser Herrenschneider Jona fasziniert mit seinem skurrilen Gestus den Knaben Felix. Dabei ist die Gestalt lediglich ein mit Sentiment gepäppelter literarischer Wechselbalg aus Chagallschen und Singerschen Figurinen. Härtling braucht sie als Kontrast zu Felix. Während der Alte auf dem Tisch eifert und geifert, hockt der stille Knabe unterm Tisch: ganz distanzierter Zuhörer, ein Beobachter, der sich seiner jüdischen Herkunft schämt, unter der Deklassierung leidet.
Als Kontrastfigur wird auch der einzige Freund des Gymnasiasten Felix aufgebaut, der extravagante Casimir. Er ist revolutionär gestimmt, agitiert für die Kommunistische Partei und versucht Felix, der inzwischen in Berlin Rechtswissenschaften studiert, für die Aktion gegen die Rechte, gegen den Rassenwahn der Hitler, Rohm und Schleicher zu werben. Vergebens.
Felix Guttmann ist ein homme a femmes: liebt Mirjam, begehrt Laura, rechtet mit Katja und wird von Olga gerettet. Binden aber kann er sich nicht. Zwar wird er ein tüchtiger Jurist und vielversprechender Anwalt, politisch aber bleibt er abstinent. Nur einmal verteidigt er den debilen Sohn eines Sozialdemokraten, den SA Schläger im Komplott mit der Polizei zum Sündenbock eines Krawalls zu machen versuchten.
- Datum 11.10.1985 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11.10.1985 Nr. 42
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