Von Felix und Salvator Zeithistorisches PatchworkSeite 2/2
Guttmann will den aufhaltsamen Aufstieg der Nazis nicht wahrhaben, verdrängt den Haß, der die Juden bedroht. Auch als die jüdischen Anwälte auf ihre Zulassung bei Gericht verzichten müssen, sein Freund Casimir von der Gestapo verfolgt wird, harrt er weiter aus, findet als juristischer Berater bei der Palästina Agentur Unterschlupf. Erst als er selber ins Verhör genommen wird, macht er sich davon. In Basel, auf dem SBBBahnhof, verläßt Härtling seine Spur. Von Palästina wisse er nichts, gesteht der Erzähler: Felix entschwindet seinem Vorstellungsvermögen.
Im knappen Schlußkapitel erfährt der Leser von Guttmanns Unfalltod auf dem Platz der Republik in Frankfurt. Härtling aber, der dem Freund eine Biographie als Kind und junger Mann erfand, rettet den Unfalltoten vor seiner Anonymisierung in der Statistik: „Ich hebe ihn auf, er wird leicht auf meinen Armen, und ich bringe ihn zurück zu dem grünen Floß im Hof 320 Seiten lang waren wir Zeugen einer Auferhebung. Felix Guttmann! Salvator Härtling!
Dieser Roman ist perfektes zeithistorisches Patchwork. Das Gefundene - in der Erinnerung des Autors, in Tagebüchern und Dokumenten des geliebten Ersatzvaters, aber auch in Steins Kulturfahrplan und Berliner Reminiszenzen Literatur hält der Autor schlank. Das Erfundene jedoch bläht er auf, es macht was her, sprüht Vitalität, träufelt Sentiment. Dabei können die jüdischen Charaktere, die Härtling von dem gläubigen Gnom Jona über die treue Hausbesorgerin Elena, den Sozialanwalt Sommerfeld, den Revolutionssnob Casimir, die parteifromme Katja bis zum leidend distanzierten Felix so wirkungsvoll schattiert, ihre literarische Abkunft nicht kaschieren. Spätestens seit Brecht ist der Held, der nicht zu kämpfen, wohl aber sich zu fürchten weiß, ein trivialer Topos. Fast reibungslos schlängelt, sich Peter Härtling zwischen Finden und Erfinden durch, sicher im An- und Nachempfinden. Fraglos meisterlich aber ist er im Verwischen der Gleitspur. Dieser Schriftsteller läßt keine Chance, mißverstanden zu werden.
- Datum 11.10.1985 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11.10.1985 Nr. 42
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