III. Programm NDR, RB, SFB, jeweils Sonntag, 3.11., 10.11. und 17.11., 19.15 Uhr: "Wild in den Straßen", ein Dokumentarfilm von Thorsten jeß

Man nehme einen Jungen von der Sorte "Boris Becker", also einen Burschen, der immer gewinnen will und den großen Auftritt liebt, lasse ihn nicht in Leimen aufwachsen, sondern in Hamburg-St. Pauli, lasse ihn nicht das Gymnasium abbrechen, sondern die Hauptschule, verpasse ihm türkische Eltern oder mache den Vater zum Trinker und die Mutter tot oder umgekehrt, gebe ihm nicht einen Tennisschläger, sondern einen Baseballschläger in die Hand – fertig ist der typische "Bomber", der Junge, der friedliche Passanten vor Angst die Straßenseite wechseln läßt.

Was früher einmal Rockercliquen waren, sind heute streetgangs, Jugendbanden, die durch den gleichen Jogging-Anzug und die Vorliebe für Schlägereien zusammengehalten werden. Besonders gern prügeln sie die skinheads, glatzköpfige Jungs, weil diese "Nazis sind und Ausländer hassen", und auf Popper, "weil die arrogant sind und Geld haben".

Der junge Dokumentarfilmer Thorsten Jeß und der Kameramann Aribert Weiß hahen sich fünf Monate lang unter die "Champs" gemischt, eine streetgang aus Türken, Jugoslawen und Deutschen im Alter von fünfzehn bis zwanzig, die den Kiez rund um die Reeperbahn als Revier beanspruchen. Die "Champs" sind eine der letzten großen streetgangs in Hamburg. Im vergangenen Jahr existierten noch über zwanzig Banden, die jedoch inzwischen verfallen sind, weil ihre Mitglieder sich entweder ihrem Schicksal als Arbeitslose gebeugt oder als Kriminelle Karriere gemacht haben.

Jeß und Weiß nähern sich den "Champs" nicht von oben herab, nicht verurteilend, nicht ängstlich, sondern unbefangen und mit einem vertretbaren Maß an Voyeurismus. Sie zeigen uns durchaus sympathische streetgangster, die um ihr Leben kämpfen, sie zeigen Jugendliche, die sich ohne Privilegien, Bildung, Eltern und ohne Perspektive durchzubeißen versuchen und die dabei entdeckt haben, daß es als Gruppe besser geht denn als Rambo.

Natürlich möchten sie sein wie Rambo – schön, schnell und gnadenlos. Darum trainieren sie Kampfsport, trinken keinen Alkohol und fönen ihre Haare so sorgfältig, darum brauchen sie die Prügelei wie Boris sein Match und wie Prinzessin Stephanie ihren Wohltätigkeitsball. Doch nur zusammen in der gang kann man sein wie Rambo, allein gibt’s eins auf die Nase.

Jeß und Weiß verschonen uns mit soziologischen Binsen, mit analysierenden Kommentaren und lassen die Kamera und die Straßenjungen sprechen. Nur gelegentlich fragen sie etwas elternhaft, worüber die Jugendlichen jedoch gnädig hinweggehen.

Die Hauptdarsteller sind talentierte Schauspieler, agieren vor der Kamera so, als würden sie sich selber spielen, und tragen durch ihre unbefangene Art dazu bei, daß der Dokumentarfilm in Teilen wie ein Spielfilm wirkt, besonders dann, wenn die Gang durch ihr Revier streift.

Da ist schon vorstellbar, daß es einigen der jungen Zuschauer in den Fingern juckt, aber Gott sei Dank hat die Sorgfaltspflicht der öffentlich-rechtlichen Anstalten dafür gesorgt, daß diese jugendgefährdenden Filme nur in den Dritten Programmen laufen.

Cordt Schnibben