Es ist eben einen Monat her: Ferdinand Kramer war aufgestanden, genauer, er hatte das Bett verlassen und saß in Decken gehüllt auf dem Sofa (auch in die karierte, die die jüngste Tochter für den Vater verlangt hatte, damit er ja nicht friere). Es ging ihm, sagte seine Frau, „viel, viel besser“ als im Februar, März, als er sehr krank war. Er war hager geworden und gebrechlich; man spürte, daß es ihm mißfiel, anderen zur Last zu fallen, aber er zeigte es nicht. Sobald er von Dingen erzählte, die ihm wichtig waren, blitzen seine Augen, bildeten sich daneben verschmitzt Fältchen. Er hatte Spaß daran, von ein paar Lieblingsdingen zu erzählen und sie zu zeigen: das Blumentagebuch seiner Mutter zum Beispiel, eine entzückende Sammlung von Blüten und Blättern, wunderschön komponiert. Oder den Briefwechsel mit HAP Grieshaber, der es liebte, mit kurzen Sätzen und Aquarellen zu antworten. Am Montag in der Frühe nun ist Ferdinand Kramer gestorben. Er ist 87 Jahre alt geworden.

Er hatte von der Schule in den Krieg ziehen müssen und war 1919 als „absolut Linker“ heimgekehrt. Er studierte Architektur, auch am Bauhaus, aber da gab es für den tatendurstigen Pragmatiker Kramer noch wenig zu lernen. Nach dem Examen in München ging er zurück nach Frankfurt, entwarf, weil es wenig Häuser zu bauen gab, „Kleinmöbel..., Geräte des Haushalts, die im Handel nur in schauderhaften Ausführungen erhältlich waren“. Sein berühmtestes Stück wurde der Kramerofen. Dann entdeckte Ernst May das junge Talent und nutzte es für das epochale Projekt des „Neuen Frankfurts“. 1936 warfen ihn die Nazis aus dem Land, in den USA entwarf er Möbel, einen raffinierten Schirm, Verkaufssysteme: Er wußte sich zu behaupten. 1952 rief ihn dann Horkheimer zurück, damit er die Frankfurter Universität neu baue.

Krämer war mit Überzeugung, was man einen Funktionalisten nennt. Er hatte einen wachen Geist, und er war ein aufrechter Mann. Das bewahrt ihm die Erinnerung vieler Leute – aber auch sein sozial begründetes, ästhetisches Prinzip: Einfachheit. Er las es gern, daß ein Freund ihn einen Shaker nannte. M, S.