Von Schuldt

Wenige Tage nach seinem 40. Geburtstag ist Reinhard Priessnitz am 5. November in Wien an Krebs gestorben. Er war der radikalste unter den in Österreich lebenden Dichtern und neben dem so ganz anderen H. C. Artmann der bedeutendste.

Diese Radikalität sticht nicht ins Auge. Sie ist in den Dichtungen als ein verwirklichter geistiger Anspruch enthalten, liegt nicht plakativ an der Oberfläche. Ein Gedicht von Priessnitz geht kaum je aus einem einzelnen, sich selbst überlassenen Prinzip oder Kunstgriff hervor, von Anfang bis Ende. Ein Gedicht wie ein Reißverschluß, das war nicht seine Sache. Das Vertrauen in die schiere Methode, die doktrinäre Ausschaltung des schreibenden Subjekts, solche Merkmale des „Experimentellen“ finden sich bei ihm nicht.

Priessnitz war kein Prinzipienreiter. Sein Werk will nicht nach Methoden eingestuft und schon deshalb „Radikalität“ attestiert bekommen, es will an seinen Ergebnissen gemessen werden. Statt übersichtlicher Schemata setzt er Formen in schwer entwirrbaren Kombinationen ein, hält sich aber auch an den Kanon älterer Dichtung.

Es wäre irreführend, von einer Mischtechnik zu sprechen: Die Elemente bleiben gestochen scharf. Da kippt ein Wort um oder verwandelt sich in eine andere Fasson: So entsteht das nächste Wort. Etliche Zeilen später wird der Leser in die Lage gebracht, sich in einem längst schon dagestandenen Wort wiederzufinden oder erneut zu verheddern.

Der Herkunft nach sind diese Gedichte nicht Montagen, sie wirken eher wie behauenes Gestein. Die Materie ist spröde, widerständig, genau durchgearbeitet. Einander Fremdes, unvereint, unverschönt, ist wie durch kommunizierende Röhren in Verbindung gebracht: Was in dem einen Wort geschieht, gibt es in dem anderen zu lesen. So kommt es, daß wir die Gedichte mit köstlicher Mühe, mit befreiendem Entdecken mehrfach entziffern.

Chiffren sind es nicht – das ist wichtig zu begreifen. Priessnitz hat nichts „hineingeheimnist“, im Gegenteil, er hat immer mehr aus seiner Sprache herausgeholt. Er verschlüsselt nicht, er entschlüsselt. Wenn man überhaupt in einer Quasi-Mathematik Wörter potenzieren kann, dann gibt es das bei Priessnitz zu lesen.