Im Delta des Okavango-Flusses gelten noch die Gesetze der Wildnis

Von Carl Albrecht von Treuenfels

Elf Uhr, große Insel mit vier Palmen, Litschi-Antilopen!“ Bei dieser Ankündigung für seine sechs Passagiere drückt Willy Zingg die Nase der „Piper Cnerokee-six“ nach unten und setzt zu einer leichten Linkskurve an. Es ist später Nachmittag, und die Bäume unter uns werfen schon lange Schatten. Die Uhrzeit soll die Richtung angeben, in der das Wild zu sehen ist. Zwölf Uhr ist geradeaus, alles andere ergibt sich nach dem Zifferblatt. Während das Flugzeug in Schräglage bis auf 200 Meter sinkt, kommen weitere Tiere in Sicht. Aus dem Schatten eines Baumes lösen sich drei Giraffen. Ein Passagier entdeckt ein kleines Rudel Zebras, in dessen Nähe etwa zwei Dutzend Gnus grasen. „Wildebeest“ heißen die Gnus hier, auch bei den deutschsprachigen Safarigästen.

Willy Zingg ist ein zu passionierter Wildbeobachter und versteht die Begeisterung der Safarigäste zu gut, um nicht beim Anblick einer Elefantenherde oder einiger Flußpferde eine Extraschleife zu ziehen. Als versierter Pilot mit Schweizerin scher Kunstflugausbildung und fünfzehnjähriger afrikanischer Buschflugerfahrung weiß er genau, wie er die Tiere – ohne sie in Aufregung zu versetzen – seinen Gästen präsentiert.

Der einstündige Flug aus der Kalahari, der mit rund einer Million Quadratkilometer größten Halbwüste der Erde, ins Camp führt über eine der großartigsten, unberührtesten und wildreichsten Landschaften Afrikas. Eben noch sind wir bei den Buschmännern an den Tsodilo Hills gewesen, haben jahrtausendalte Felszeichnungen an den Wänden des 400 Meter aus dem Sandmeer emporragenden Gesteinsmassivs bewundert und nahe der von Willy Zingg vor vielen Jahren selbst geschaffenen Landepiste den Abschiedstanz der Wüstenbewohner erlebt. Jetzt breitet sich unter uns das Okavango-Becken aus. Nach dem gelben und rötlichen Sand der Kalahari mit ihren trockenen Büschen und Bäumen eine Labsal für das Auge: eine grenzenlos scheinende Oase, durchzogen von blauen Flüssen und unzähligen glitzernden Rinnsalen, gemustert von Seen, Teichen und Buchten, geschmückt mit Palmenhainen, Galeriewäldern und Papyrussträuchern. Ein Tier- und Pflanzenparadies ohnegleichen, hat sich in diesem größten Binnendelta der Erde entwickelt, das sich – auf einer Fläche von der Größe Schleswig-Holsteins – inmitten von Wüstensand gebildet hat.

Hier endet der Okavango auf seinem südöstlichen Weg in der Form einer riesigen Hand, die sich von Jahr zu Jahr verändert. Sechs Monate nach der Regenzeit in Angola kommt eine besonders starke Bewegung in die Finger dieser Hand. Dann nämlich drücken die Wassermassen, nachdem sie 1500 Kilometer zurückgelegt haben, in die zahllosen Flüsse und Kanäle der „Okavango swamps“, lassen den Pegel bis zu zwei Metern steigen und ertränken für viele Wochen Inseln und Uferzonen. Um mehr als 3000 Quadratkilometer können sich die Sümpfe ausdehnen, wenn über ihnen zusätzlich noch genug Regen fällt.

Der Okavango kommt aus dem Hochland Zentral-Angolas, heißt dort zunächst Cubango, bildet weiter südlich auf einigen hundert Kilometern die Grenze zwischen Angola und Namibia, erhält am westlichen Ende des „Caprivi-Streifens“ Zufluß vom Cuito und schwenkt dann südöstlich nach Botswana ab. Schon bald nachdem er das ehemalige Betschuanaland, das seit 1966 unabhängige Republik ist, erreicht hat, verzweigt sich der immer mächtiger werdende Strom, bis er rund 150 Kilometer weiter im Land regelrecht ausfranst. Unzählige Arme, Bäche, Rinnsale winden sich durch Papyrussträucher und Mangrovenbüsche, bilden Lagunen voller Wasserlilien und -rosen, umrunden schilfgesäumte und von unterschiedlichen Laubbäumen bewachsene Inseln.