Von Rolf Schneider

Kriegsdienstverweigerung ist die persönlichste, die zugleich radikalste Form des praktizierten Pazifismus. Sofern sie sich christlich motiviert, begreift sie sich als Ausdruck unbedingten Gehorsams gegenüber der Bergpredigt. Gleichwohl waren zu allen Zeiten und bis zum heutigen Tage die christlichen Pazifisten innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaften eine schroffe Minderheit; in Hitlers Großdeutschem Reich stand dem waffen- und führerabsegnenden Kollaborationsbischof Müller und seiner deutsch-christlichen Anhängerschaft ein einziger Protestant gegenüber, der den Kriegsdienst konsequent verweigerte, der deswegen auch verurteilt und hingerichtet wurde. Ein Protestant – neben immerhin sieben Katholiken, zwei Quäkern, sieben Mitgliedern der Sieben-Tage-Adventisten und etwa siebentausend Zeugen Jehovas mit gleichem Schicksal. Von den letzten wurde die Mehrzahl ohne juristische Verfahren in Konzentrationslagern und Haftanstalten umgebracht; 203 fanden aufgrund entsprechender Gerichtsverfahren den Tod.

Der Name jenes einzigen unter Hitler als Kriegsdienstverweigerer hingerichteten evangelischen Christen lautet Hermann Stöhr. Er ist bis heute fast unbekannt geblieben. Es brauchte einigen Spürsinn und viel Beharrlichkeit, daß vierzig Jahre nach dem letzten Kriegsende das Wenige, das sich über Hermann Stöhr noch in Erfahrung bringen läßt, schließlich von Eberhard Röhm zusammengetragen und als Buch an die Öffentlichkeit gebracht wurde. Eberhard Röhm ist Theologe, Publizist, er wurde bekannt als Verfasser der Untersuchung „Evangelische Kirche zwischen Kreuz und Hakenkreuz“ (1981). Bei den Arbeiten zu diesem Titel geriet das Schicksal Hermann Stöhrs ins Blickfeld. Das nun vorliegende Buch über einen radikalchristlichen Einzelgänger darf als das Muster einer aufmerksamen Recherche, einer sorgfältigen Dokumentation und Interpretation gelten.

Hermann Stöhr kam aus Pommern. Er wurde 1898 geboren, als ein Kind aus konservativer Beamtenfamilie; 1914 meldete er sich, dem Stile seiner Generation gemäß, als Siebzehnjähriger freiwillig zum Militärdienst. Wie viele seinesgleichen kehrte er 1918 aus den Materialschlachten des Ersten Weltkrieges als radikaler Pazifist zurück. Er studierte Volkswirtschaft und Jura, nach erfolgter Promotion wurde er Mitarbeiter von Friedrich Siegmund-Schulze, der im Zivilberuf Ordinarius an der Philosophischen Fakultät von Berlins Universität war und nebenher einer der engagiertesten Sozialarbeiter der evangelischen Kirchen in Deutschland. Stöhr unterstützte seinen Mentor, in dessen Hilfsaktionen, in dessen publizistischer Tätigkeit, in dessen die nationalen Grenzen überschreitender Versöhnungs- und Friedensarbeit.

Nach Hitlers Machtantritt mußte Siegmund-Schulze emigrieren. Er wurde prominenter politischer Asylant in der Schweiz. Stöhr blieb im Land, er brachte sich mit schriftstellerischen Arbeiten durch. Dem Opportunismus der protestantischen Amtskirche gegenüber dem Nationalsozialismus antwortete er mit beharrlichen Eingaben und Protesten, was ihm bald den Ruf eines Querulanten eintrug. Am 28. Februar 1939 erhielt er, der Weltkriegs-I-Offizier, seine Einberufung zum Militärdienst. Er entgegnete augenblicklich, daß er den Dienst mit der Waffe aus Gewissensgründen verweigern müsse.

Am 31. August 1939 wurde er festgenommen. Am 1. November fand das Kriegsgerichtsverfahren gegen ihn statt, das Urteil lautete auf ein Jahr Gefängnis und Degradierung. Am 9. Januar 1940 kam sein Fall vor das Reichskriegsgericht, diesmal wurde auf Todesstrafe erkannt. Hermann Stöhr selbst, aber auch Bekannte, darunter der Gefängnispfarrer, kamen um ein Gnadengesuch ein. Es wurde abgelehnt. Die offizielle Kirche, um Unterstützung gebeten, sah sich außerstande, zugunsten Hermann Stöhrs zu intervenieren.

Der verurteilte Hermann Stöhr sitzt zunächst im Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel. Er wartet auf den Gnadenerweis oder das Datum der Hinrichtung. Er schreibt Briefe, an seine Verwandten, an seine Freunde, die Sprache dieser Briefe ist schlicht und erstaunlich gefaßt, Hermann Stöhr weiß sich in völliger Übereinstimmung mit seinem christlichen Glaubensbekenntnis und den Weisungen der Heiligen Schrift. Er verfaßt ein kleines Laienspiel, „Lasset uns mit Jesu ziehen“. Es finden sich diese Verse darin: „Die meisten werden ihn verstanden haben./Doch viele kehrten ihm alsbald den Rücken./Was Jesus fordert, war für sie zuviel./So war es damals, ähnlich ist es heute/mit unserem deutschen Kirchenvolk.“