Ein Museum für Multatuli

von Aufn.: Gerhard Jaege

Den Damen, die vor roten Lampen in Korsjespoortsteeg die Amsterdamer Gegenwart verkörpern, wird der Herr, dessen Vergangenheit in Haus Nummer 20 ausgebreitet wird, vermutlich ziemlich schnuppe sein. Doch auch ihm gelten viele Besuche, besonders dienstags zwischen 10 und 17 Uhr, wenn die ihm gewidmeten Räume dem Publikum kostenlos geöffnet sind. Neben der Klingel würde man sein Namensschild allerdings vergebens suchen; man muß schon etwas höher hinaufschauen an der Backsteinfassade. Dort kündet eine Steintafel mit ausgewaschenen Lettern, daß hier am 2. März 1820 ein gewisser Multatuli geboren wurde. Unter seinem Familiennamen Eduard Douwes-Dekker kennen ihn auch in Holland nur wenige; unter seinem Pseudonym aber ist er populär geblieben: Multatuli – ich habe viel getragen, viel erduldet – so der von ihm latinisierte Deckname. Er ging ebenso in die Kolonialgeschichte Hollands ein, wie er die Geschichte der Weltliteratur bereicherte. Ein Verfechter der Menschenrechte, Romantiker, Dichter. Mittendrin im schäbig-schönen Grachtenviertel haben ihm die Mitglieder eines Freundeskreises die Geburtsstätte liebevoll als Museum eingerichtet.

Mijnheer Bij, einer jener Getreuen vom Liebhaberzirkel, führt uns aurch das schmale Haus mit der steilen Treppe und erzählt von Multatuli – ganz so, als habe er den streitbaren und umstrittenen Mann noch selber kennengelernt. Auf vergilbten Photos und als Bronzebüste blickt Multatuli einen durchdringend an: schwarzer Schnurrbart, volles, dunkelblondes Haar, die Gesichtszüge kantig, ein Mann, der Not durchlitten hatte und von seiner Mission überzeugt gewesen war. Der Pappmacheglobus mit abgegriffenem Südostasiensektor verweist auf das einstige Niederländisch-Ostindien, das heutige Indonesien: „Insulinde, das sich schlingt um den Äquator wie ein Gürtel von Smaragd“ – so Multatuli. Es sollte sein Schicksal werden.

Anzeige

Als 18jähriger war er von Amsterdam nach Batavia gereist, war Kolonialbeamter und schließlich einer der engagiertesten, aber erfolglosen Kämpfer für eine humanere, liberale Kolonialpolitik geworden. Enttäuscht schrieb er sich 1860 ein Buch von der Seele, das Furore machte: „Max Havelaar oder die Kaffeeversteigerungen der Niederländischen Handelsgesellschaft.“ Multatuli verdichtete das Leiden der unterdrückten Javaner zu aufrüttelnder Literatur.

Eindrucksvoller als exotische Bilder und Möbel und die paar persönlichen Dinge, die von einem materiell bescheidenen Leben übriggeblieben sind, wirken die Regale im Erdgeschoß des Geburtshauses. Da stehen die Erstausgaben seiner Bücher, die Übersetzungen in Dutzende von Sprachen, die vielfältigen Schriften, zu denen Multatuli seine Gegner und Bewunderer hingerissen hat. Mehr als zweitausend Titel sind über ihn erschienen; auf fünfhundert hat er’s selbst gebracht. Tagebücher, Briefesammlungen, Stücke, Fragmente, eine mehrbändige Ausgabe seiner „Ideen“ – und in immer neuen Auflagen: „Max Havelaar.“

Multatuli starb am 19. Februar 1887 in Niederingelheim bei Koblenz. Seinem Werk wird das Haus Nummer 20 in Korsjespoortsteeg auf würdige Weise gerecht. Hier hat zwar die Familie Douwes-Dekker nach seiner Geburt nur eineinhalb Jahre gelebt. Doch so wie sein CEevre eine bestimmte Epoche holländischer Kolonialzeit kennzeichnet, so steht ein Haus wie dieses für das reiche, weltoffene und zugleich kleinstädtisch-kleinkarierte Amsterdam, wo die Weltenfahrer und die Spießer Nachbarn waren.

Amsterdam hat den Multatuli nicht vergessen. Die Geschichte vom kleinen Walter, dem Woutertje Pieterse, ist die autobiographisch erzählte Kindheit, in der das Mädchen Femke eine so liebenswerte Rolle spielt. Nicht weit weg von Korsjespoortsteeg, auf der anderen Seite der Prinsengracht, liegt der Noordermarkt. Dort heißt eine Kneipe „Woutertje Pieterse“, und davor wurde 1971 ein Denkmal gesetzt: Woutertje und Femke innig vereint. Rüdiger Siebert

Multatuli-Museum, Amsterdam, Korsjespoortsteeg 20; dienstags von 10 bis 17 Uhr geöffnet, sonst nach Vereinbarung. Tel.: 24 74 27, Anfragen bei Frau Roelfsema-Tenge. – Deutsche Ausgabe von „Max Havelaar“ im Manesse-Verlag, Zürich, erschienen.

Zur Startseite
 
Service