Ein Psychologe und Biologe weist nach: Inzestwünsche sind nicht die Regel in der Natur

Von Dieter E. Zimmer

Das bloße Wort schon läßt uns erschauern: Inzest! Blutschande, wie Luther es übersetzte: „Wenn jemand seine Schwester nimmt... und ihre Blöße schaut und sie wieder seine Blöße, das ist eine Blutschande. Die sollen ausgerottet werden vor den Leuten ihres Volks.“ Und kaum ist der Schauer verflogen, meldet sich die vorwitzige amoralische Stimme in uns mit der neugierigen Frage: Inzest, wie das wohl wäre?

So düster faszinierend der Inzest als mythisch-literarisches Thema seit Urzeiten ist, ein dringendes soziales Problem bildet er in unseren Gesellschaften nicht. Das liegt vor allem an seiner Privatheit und seiner Seltenheit. Eine Seltenheit ist er selbst dann, wenn man – wohl zu Recht – eine hohe Dunkelziffer annimmt. 1965 gab es in der Bundesrepublik III Verurteilungen wegen „Blutschande“ (sexueller Verkehr zwischen Kindern und Stiefeltern mitgezählt) – ein verurteilter Delinquent auf 500 000 Personen. Selbst wenn es – eine sehr hohe Schätzung – tatsächlich zwanzigmal so viele Fälle von Inzest gegeben haben sollte, wäre er doch immer noch eine große Rarität gewesen.

1980 verkündete ein amerikanischer Autor, bei einer Befragung von College-Studenten hätten ihm nicht weniger als 13 Prozent inzestuöse Beziehungen zu ihren Geschwistern gestanden. Bei näherem Hinsehen aber schrumpfte die Zahl sehr; meist hatte es sich um kindliche Sexspiele gehandelt und bei nur 0,4 Prozent um versuchten oder vollzogenen Geschlechtsverkehr zwischen leiblichen Geschwistern über 13 Jahre. So katastrophale seelische Folgen er meist hat, wo er vorkommt (im Gros der Fälle handelt es sich um die Vergewaltigung der Tochter durch den Vater) – die zuweilen besorgt ausgerufene „Epidemie“ von Inzest gibt es nicht.

Aber warum eigentlich gibt es sie nicht? Sigmund Freud lehrte doch, daß „die ersten sexuellen Regungen des jugendlichen Menschen regelmäßig inzestuöser Natur sind“ und daß jedes Kind nichts so sehr begehre wie die sexuellen Zärtlichkeiten des gegengeschlechtlichen Elternteils oder Geschwisters? Und daß nicht wenige Menschen über diese Phase niemals hinwegkommen? Der Sohn mit der Mutter oder Schwester? Die Tochter mit dem Vater oder Bruder? Die Standardantwort lautet: weil das strengstens verboten ist – wenn kein Verbot sie hinderte, wenn sie dürften, wie sie wollen, dann stürzten die Angehörigen einer Familie in sexuellster Absicht übereinander her.

Tatsächlich, Inzest war und ist in nahezu allen bekannten Gesellschaften verboten. Im alten Ägypten und im alten Persien zwar gab es den dynastischen Inzest: Die Herrscher waren zum Inzest ermächtigt oder geradezu verpflichtet; aber das wohl nur als ein weiteres Zeichen dafür, daß sie über die für gewöhnliche Sterbliche geltenden Gesetze erhaben waren. Bei einigen Naturvölkern gibt es die Sitte des magischen Inzests, der Kraft und Glück bringen soll. Beides sind Ausnahmen, die hier wirklich einmal die Regel bestätigen. Keine heutige Gesellschaft billigt den Inzest innerhalb der Kernfamilie, das Inzestverbot ist universal, und auf den ersten Blick scheint es völlig zureichend zu erklären, warum Inzest so selten vorkommt. Trotzdem bleibt ein leiser Zweifel. Schließlich schrecken sexuelle Tabus doch sonst nicht so gründlich; schließlich haben die Menschen für ihre erotischen Neigungen immer Ruf, Besitz und sogar das Leben aufs Spiel gesetzt. Ist es also vielleicht doch nicht allein das Verbot, das sie abhält? Haben die Menschen etwa gar kein dringendes Bedürfnis nach Inzest?