Von Jürgen Manthey

Auf dem Umschlag des neuen Buches von Gerhard Meier, dem dritten und abschließenden Teil der Roman-Trilogie „Baur und Bindschädler“, ist eine knorrige, gedrungene, eine typische Eiche zu sehen: Caspar David Friedrichs „Eiche im Schnee“. Es ist eine bildliche Anspielung auf die „dreihundertjährige Eiche von Walenboden, einer Waldung von Amrain“.

Wie in den Romanen davor, ist es wieder Baur, der dem Erzähler, Bindschädler, davon erzählt: Die Stimme Baurs im Kopf Bindschädlers, die Erinnerungen des einen als die Erzählung des anderen, das ist die literarische Struktur dieses Romans. Schon Baur gibt wieder, früher Gesehenes, Gehörtes, Gelesenes und diesmal sogar früher schon einmal (von ihm selbst) Gesagtes (in den vorausgegangenen Romanen „Toteninsel“ und „Borodino“). Wirklichkeit existiert von vornherein als Literatur, die Natur erscheint im Spiegel der Kultur. Nicht zufällig wohl wird der ethnologische Dechiffrierer der Zeichensprache des Übergangs (von Natur zur Kultur), Claude Lévi-Strauss, mit dem Wunsch erwähnt, mit einem Kirschbaum reden zu können. Es müßte kein Roman von Gerhard Meier sein, wenn dies nicht gleich auch der Kirschbaum wäre, „der schon zur Zeit der Schlacht bei Borodino Villons Baum im Sommerwind gemimt haben mußte“.

Das ist die Kunst der Verwicklung, der Verschachtelung, die dieser Schweizer Autor mit so leichter, so liebevoller wie geübter Hand beherrscht. Auch die im Roman erwähnte dreihundertjährige Eiche von Walenboden ist erst wirklich in der Absprache eines Laienpredigers, der auf einen Dirigenten der Amrainer Blechmusik zu sprechen kommt, der vor vierzig Jahren ein Lied auf besagte Eiche komponiert hat, das Baur gehört zu haben sich erinnert, wovon Bindschädler dann dem Leser berichtet: „Man fröstelte“ (weiß Baur noch von der Eiche im Lied), „wenn die Eiche Blätter ließ; fror, wenn sich Rauhreif einstellte oder Schnee, der, wenn er zu schmelzen begann, nach frischer Wäsche roch, was einen an Base Elise gemahnte, die zur Zeit der Schneeschmelze beerdigt wurde, und zwar auf jenem Friedhof, wo sich auch Paul Klee befand, auf dessen Tafel geschrieben steht: „Diesseitig bin ich gar nicht faßbar, denn ich wohne grad so gut bei den Toten, wie bei den Ungeborenen, etwas näher der Schöpfung als üblich und noch lange nicht nahe genug‘.“

Von da ist es nur ein Schritt – im Buch eine Seite – bis zur „Eiche im Schnee“ von Caspar David Friedrich, bei dem die Eiche „immer wieder als Totenbaum, als Wächter einer großen Vergangenheit“ erscheint. Die Eiche als Totenbaum, der Baum des Lebens am Anfang der Bibel, die Bäume, die Baur schon alle „dahingehen“ sah, das Waldsterben, bis zur Eiche über Baurs Bett im Hospital, „zu dieser Reproduktion in Rotbraun, mit den Winterastern darunter“: Eine „Ballade vom Schneien“ nennt Meier einmal Robert Walsers Prosastück „Winter“, in dem ein Baum vorkommt, um den sich einmal im Jahr die Familie sammelt, der Weihnachtsbaum, Symbol ewigen Lebens, weswegen es bei Walser auch heißt: „Sieh, wie mitten im Winter die Liebe strahlt, die Helligkeit lächelt, die Wärme glänzt, die Zärtlichkeit blitzt und alles Hoffenswerte und Gütige dir entgegenleuchtet.“

Aber auch des Todes von Walser bei einer Wanderung im Schnee, der diesem immer festlich, weihnachtlich erschienen war – er starb an einem Weihnachtstag – wird gedacht in dieser Geschichte, die die Geschichte vom Tod Baurs ist.

Daß das Zitieren von Kunst bei Meier selbst eine Kunst ist, sieht man etwa daran, wie dieser Autor Anfang und Schluß seiner Geschichte mit der Walsers verschränkt. Der Roman beginnt mit der Erwähnung von Walsers Prosaballade „Winter“, die Baur, und zwar nicht in einem Winter, einmal sehr erschüttert hat. Baur fragt sich jetzt beim Resümee der in Erinnerung gebliebenen Eindrücke am Ende seines Lebens: „Wo mag Robert Walser gestanden haben, wenn er die Welt abbildete? Etwas daneben, vermutlich. Leicht erhöht, An einem Abgrund gar. Wobei über seiner Welt jener Nebel gelegen haben muß, der beim Hervortreten der Sonne vergeht, zerfließt, das Licht durchläßt...“