Von Eva Schmidt

Vor neunundzwanzig Jahren, genau am Weihnachtstag, ist Robert Walser gestorben, allein, auf einem Spaziergang in der Nähe der Anstalt Herisau in der Schweiz. Ich habe selten eine Geschichte von ihm zu Ende gelesen, meist wußte ich schon nach wenigen Sätzen alles – obwohl Robert Walser der unberechenbarste aller Schriftsteller ist.

Ein Leben lang schrieb er über das Geheimnis der Welt – dem Leben zum Trotz und mit einer Liebe, die so heftig war, daß er ihrer leicht entbehrte. In seinem Denken war die ganze Menschheit enthalten, deshalb muß man nicht traurig sein, wenn ihm persönlich alles fehlte. Der sich sanft gebende hatte eine kräftige Natur – demütig war er nie, sondern immer nur ein wenig schlauer, dem Leser um Nasenlänge voraus.

Ich habe eine Freundin, die Robert Walser nicht versteht, und als sie mir davon erzählte, war ich glücklich vor Stolz auf den, den ich so glühend verehre. Sein Werk ist eine Lehre über die Unbelehrbarkeit, jede Vernünftelei bringt er zum Scheitern und schafft eine neue Vernunft – die des freien Denkens, die den Bildungsmenschen vom wirklichen Denker unterscheidet. Walser hat seine Figuren mit Liebe überschüttet, daß es mörderisch war, die schönsten Aussichten und Hoffnungen hat er ihnen mitgegeben, sie mögen wohl heute noch die Finger danach strecken. Die gesellschaftlichen Zustände sind ablesbar, die Zustände einer Gesellschaft, die von einer äußeren Ökonomie zusammengehalten wird und inwendig platzt. Die Lebenslüge wird aufrechterhalten, weil es besser ist, sich die Wahrheit gar nicht erst einzugestehen. Walsers Figuren schwindeln sich über den Abgrund wie auf einem Seil. Selbstvergessen sehen sie dem Leben ins Gesicht, so wie er selber, der vor lauter Alleinsein nichts übersah.

Einer, der schreibt, lebt über seine Verhältnisse. Er erfindet Menschen, Schauplätze und Situationen, die er selber vielleicht gar nicht kennt – eine Ersatzwelt, so oder so. Eine Ersatzwelt, die sein Risiko ist, und gleichzeitig seine Freiheit. Seine Biographie ist unwichtig, sofern es ihm gelingt, glaubhafte Sätze zu schreiben – denn sein Werk wird zu seiner Lebensgeschichte, was man sich sonst über ihn erzählt – zur Anekdote.

Über das wirkliche Leben Robert Walsers weiß ich nichts, und manches mag falsch sein, was ich über ihn sage. Doch es fiel mir leichter, auf diesem Umweg den Hintergrund meiner Arbeit ein wenig zu beschreiben.

Die Nachricht, daß ich den Bremer Förderungspreis bekommen soll, hat einerseits eine große Freude in mir ausgelöst, mich aber andererseits noch skeptischer gemacht – in dem Sinn, als sich der Schriftsteller wohl immer in einem gewissen Widerstand befindet, nicht nur zur Welt oder zur Gesellschaft, der er sich manchmal verweigert, sondern auch zu sich selbst und seiner Arbeit, in der der Widerstand – nur am Ideal und nicht an der tatsächlich existierenden „Weltgeschichte“ gemessen – zur Farce werden kann.

Ich danke dem Vorstand und der Jury der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung für den Preis.