Der Filmregisseur Max Ophüls war auch da. 1957 ist er gestorben. Jetzt besuchte er die Vorstellungen des siebten Max-Ophüls-Wettbewerbs in zwei miefigen kleinen Kinos seiner Heimatstadt Saarbrücken, saß mitten unter den schwitzenden Zuschauern und verpestete mit seiner Zigarre die dicke Luft im engen Kinocafe. Dem Techniker eines jungen Filmteams, das ihn ständig verfolgte, fiel die Kamera auf den Kopf. Das ergab eine Platzwunde. Dieser Saarbrücker Wettbewerb war kein Spaziergang. 29 Filme aus dem deutschsprachigen Raum konkurrierten um den mit 25 000 Mark dotierten Ophüls-Preis. Die Bewerber sollen möglichst Debütanten sein, jedenfalls nicht mehr als drei Filme inszeniert haben. Um Anfänger geht es in Saarbrücken, um Hoffnungen.

Bis vor einem Jahr war das „Gloria“ Saarbrückens größtes Kino. Aus dem „Gloria“ wurde eine Diskothek. In der Disco wurde der Ophüls-Preis vergeben. Erst sang Ortrud Beginnen (live), dann Grace Jones (vom Band). Eine halbe Stunde vor Mitternacht hatte sich die fünfköpfige Jury endlich entschieden. Der Gewinner war eine Gewinnerin: Pia Frankenberg bekam für ihr Kino-Debüt „Nicht nichts ohne Dich“ den Ophüls-Preis. Der beste Film des Wettbewerbs war Sieger: eine herrliche Schwarzweiß-Komödie über die Stadt und die Neurotiker, die sie bewohnen. (Siehe ZEIT Nr. 46 1985.) Wer lebt, improvisiert. Davon handelt der Film. Die Jury hatte es bemerkt. Als ob das Wünschen geholfen hätte! Auf der Theke im Kinocafe stand eine kleine Box aus Pappe: eine Urne für die Stimmzettel des Publikums, das in Saarbrücken seinen eigenen Preis vergibt. Eine sichere Entscheidung auch hier. Schon stand Wieland Speck auf der Bühne. Sein Debütfilm „Westler“ hatte gewonnen: eine schwule Liebesgeschichte, der selbst die Berliner Mauer nicht zu hoch ist. (Siehe ZEIT Nr. 52 1985.) Das Publikum jubelte seiner eigenen Entscheidung zu. Pia Frankenberg und Wieland Speck in der Disco „Gloria“: zwei Sieger auf verlorenem Gelände.

Manche der Hoffnungen, um die es in Saarbrücken geht, haben sich erfüllt. Diese eine nicht: Thomas Strittmatters und Nico Hofmanns Erstlingsfilm „Der Polenweiher“. Thomas Strittmatter, Jahrgang 1961, hat sich schon als Schriftsteller einen Namen gemacht. Für „Polenweiher“ hat er das Buch geschrieben und Co-Regie geführt. Der Film spielt im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs. Eine junge Polin kommt als Fremdarbeiterin auf ein entlegenes Gehöft im Schwarzwald. Schon singt der Bauer auf seinem Motorrad vom „allerschönsten Kind, das man in Polen find“. Im Lied heißt es: „Aber nein, aber nein, sprach sie, ich küsse nie.“ Im Film küßt sie doch. Der Bauer fällt über sie her. Im Streit mit Hungerbühler stirbt das schwangere Mädchen, ertrinkt in einem Waldsee. Die Kamera ist immer ganz bei der Sache, aus nächster Nähe wird beobachtet, ruhig und langsam erzählt, eine stumpfe, gedrückte Atmosphäre beschrieben, die Morde ausbrütet. Strittmatter versteht etwas von Komposition: seine Pastorale hat auch einen heiteren Satz. Ein Rabe flattert über den Hof, musikalisch kommentiert: Ende einer komischen Geschichte, die vom Streit zwischen einem Sohn und einem Schaf des Bauern erzählt.

Auf Hungerbühlers Hof lebt auch ein Landstreicher, der inzwischen als Korbflechter sein Brot verdient, eine Woyzzeck-Figur. Er hat Verdauungsbeschwerden. und wird schließlich das Opfer eines verantwortungslosen Arztes. Bei den Weidenbüschen am See, wo das Mädchen stirbt, erleidet er Mystifikationen. Man fragt sich, warum Hungerbühler und nicht Rot, der Korbflechter, das Mädchen tötet. Einer wie Strittmatter hat doch den „Woyzzeck“, ein so kurzes Stück, zu Ende gelesen. Schon schlitzt Rot mit seinem krummen Weidenmesser ein blutrotes Kissen auf, zu dem er Szenen zuvor wie zu dem Polenmädchen sprach. Eine Wolke aus Federn erfüllt die Schlafstube des Korbflechters, bildschön und fast wie im Theater. In diesem Film soll alles Kunst statt Kino sein. Der Debütant als Repertoire-Regisseur: kein Anfang.

Immerhin gab es in Saarbrücken auch junge Regisseure, die etwas zu erzählen hatten, statt nur zu zitieren wie Strittmatter oder (schlimmer) der Österreicher Houchang Allahyari, der in dem Film „Pasolini inszeniert seinen Tod“ mit Pasolini-Texten, Pasolino nachempfundenen Bildern und Männerleibern Devotionalienhandel betreibt. Gegen solche Enttäuschungen gab es „Retouche“ von Dieter Funk und Beat Lottaz, einen Film, der die Rückkehr eines jungen Photographen aus Berlin in seine Heimatstadt Rottweil beschreibt, also in eine andere Art zu leben, zu photographieren (und zu filmen).

Plötzlich Düsenjäger, furchtbarer Lärm. Der Mann mit den nach hinten gekämmten Haaren wirft sich zu Boden, schreit. Er will die Flugzeuge vom Himmel holen. Das ist Zacher. Rolf Zacher, der vielleicht einzige amerikanische Schauspieler des deutschen Films, war in Saarbrücken in Kristian Kühns „Strawberry Fields“, einem mißglückten Film über Neonazis, als rechtsradikaler Psychopath und in Diethard Küsters Krimi „Va Banque“ als betrügerischer Geschäftsmann zu sehen, natürlich mit Sonnenbrille. Seit Jahren wird Rolf Zacher in billigen Serien und mittelmäßigen Filmen verheizt. Gäbe es in Saarbrücken auch einen Schauspieler-Preis, Zacher hätte ihn verdient.

Der interessanteste Teil des Festivals waren die Berlin-Filme: Geschichten von Mauerspringern; Großstadtballaden; Szenen-Filme. Über Lienhard Wawrzyns „German Dreams“, Alfred Behrens „Walkman-Blues“, Wieland Specks „Westler“, Michael Laux’ „Richy Guitar“ und andere Berlin-Filme nächste Woche mehr.

PS.: Inzwischen ist auch Max Ophüls wieder aus Saarbrücken verschwunden. Man sagt, ein alter Schauspieler des Saarbrücker Staatstheaters, ein genialer Kopist hätte ihn gespielt. Nur die Platzwunde auf dem Kopf des Technikers erzählt noch von der Erscheinung. Es war eine Rückblende. Helmut Schödel