Die sogenannten Sicherheitsgesetze – als Paket oder nicht? Der Streikparagraph 116 – noch Verbesserungen an seiner umstrittenen Verbesserung, ja oder nein? SDI – innerhalb eines allgemeinen Abkommens über den Technologietransfer oder auf einem besonderen Blatt? Darüber streiten sich die Bonner Regierungshelden mit einem wahrhaft homerischen Einsatz. Und die Fronten verlaufen durchaus nicht immer säuberlich getrennt nach CDU, CSU und FDP, sondern, je nach Interessenlage, mit wechselnder Formation.

Sogar die altgedienten Bonner Schlachtenbummler nimmt das Wunder, wenn sie bedenken, daß außer den rein sachlichen eben auch diese methodischen Streitfragen bei den „Elefanten“-Treffen zwischen den Vorsitzenden der drei Koalitionsparteien geklärt werden sollten und danach auch als geklärt ausgegeben worden sind. Aber in Dickhäuter, so hat es den Anschein, dringt nur ein, was der eigenen Meinung entspricht, und ihre Fußstapfen sind so breit, daß darin vielerlei Auslegungen Platz haben. Als seien die Sachprobleme nicht schon jeweils gravierend genug; die Koalition tut sich auch mit Verfahrensfragen schwer, erst recht, wenn Sachen und Verfahren ineinander übergehen. Und je elefantöser die Treffen, desto endgültiger, angeblich, zwar die Einigung – aber auch, offenkundig, desto unbestimmter.

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Was die homerische Seite des Streits betrifft: Da wird, der Wahlkampf läßt grüßen, kräftig gewürzt. Mit Gruß hat Hans-Jochen Vogel, dessen SPD ja auf den Anstand pochen will, jüngst eine Sammlung der Vokabeln vorgelegt, mit denen sich die Streithähne zuletzt bedacht haben: Hofhunde, Clique, Kurpfuscher, Eisenbärte, Schwachsinnige, Spinner, Kleingeister, Gernegroße, Großmaul, Gruselkabinett, Versager, Schlümpfe und so weiter. Das alles zumal in den gefürchteten Wochenend-Interviews, deren Häufung schon immer ein sicherer Vorbote von Wahlkämpfen war.

Grund zum Fürchten ist freilich auch wieder die demoskopische Mobilmachung. Verweist das Regierungslager auf wachsenden Aufwind- und Erholungstendenzen bei der Kanzlernotierung, so kontert die sozialdemokratische Opposition, daß sie ganz andere Befunde habe, in Sonderheit zur Popularität von Kohl. Das wird wohl übers ganze Jahr so gehen – ein Zahlenschlamassel, weil Ausgangsfragen und Kriterien häufig wechseln oder nicht vergleichbar sind. Und wie bei den Kraftworten wird wohl nur die Devise „niedriger hängen“ helfen, bis sich die Momentaufnahmen zu Trends aneinanderreihen.

Als Geste der Höflichkeit und nicht der Devotion sei die tiefe Verbeugung zu verstehen, mit der Außenminister Genscher den sowjetischen Unterhändler bei den Genfer Abrüstungsgesprächen, Kwizinski, begrüßt habe – so schrieb die Frankfurter Allgemeine letzte Woche maliziös unter ein entsprechendes Photo. Zwei Tage später folgte eine kleine Notiz: Der Minister habe sich nicht verbeugt, sondern vielmehr gesetzt.

Das ist das dritte untrügliche Wahlkampf-Zeichen: die außerordentliche Empfindlichkeit, hier sicher nicht zu Unrecht. Aber auch sonst gilt: Die Elefanten wollen Elefanten sein und sind doch Gänseblümchen.

Carl-Christian Kaiser