Hervorragend

Ludwig van Beethoven: „1. und 2. Sinfonie“. Noch vor einem Jahrzehnt hätte kaum jemand das zu denken gewagt: daß die radikale Veränderung der landläufigen Musizierpraxis allein von der Alten Musik ausgehen könnte. Denn weder Karajan noch Bernstein, geschweige denn die ihnen nacheifernden Traditionalisten tragen im Grunde etwas dazu bei, daß die emotionale, insbesondere aber stumpfsinnig-ästhetisierende Komponente der Musik nicht länger akzeptiert werden kann. Und wieder einmal führt ein Barockspezialist vor, daß es gleichwohl jene anderen, dem Ohr nicht schmeichelnden Essenzen gibt, selbst in Beethovens Sinfonien. Christopher Hogwood wendet sich ihnen nach seiner phänomenalen Interpretation der Mozart-Sinfonien (aus der Frühzeit) zu und eilt damit gewissermaßen seinem revolutionären Ahnherrn Nikolaus Harnoncourt um einige Längen voraus. Er hat mit seiner superb aufspielenden Academy of Ancient Music sozusagen jeden Takt neu entdeckt und kammermusikalisch durchleuchtet. Die große und pathetische Geste scheut er. In welcher Dutzendware aber hörte man im Kontrast der Stimmen, Klangfarben und Rhythmen eine so abgründige Detailbesessenheit und Frische des Musizierens, in der alles Flächige des reinen Schönklangs restlos ausgemerzt ist. Wo sonst werden melodische Elemente; Perioden und Phrasen so federnd, so schlank und mit natürlichem Atem ausgebreitet, in welchem Gegenbeispiel ließen sich vergleichbare neue Ausdruckswerte, vor allem so zeitgemäß und aufschlußreich finden. Unverfänglicher und überzeugender hat schon lange keiner mehr Beethovens progressive Gedankenglut der Elektronik anvertraut. (The Academy of Ancient Music, Ltg. Christopher Hogwood; 1 CD, Decca 414 338-2) Peter Fuhrmann

Hörenswert

Koko Taylor: „Queen of the Blues“. Mit der Milch der frommen Denkungsart wurde diese Sängerin vermutlich nicht einmal im zarten Kindesalter genährt. Ihre Stimme klingt etwa so, als würde sie vor Club-Auftritten oder Plattenaufnahmen erst noch einmal kurz die Bänder mit Sour-Mash-Bourbon in Form bringen, den sie zuvor mit einem Spritzer Salzsäure verdünnt hat: Gegen Koko Taylor wirken die meisten Macho-Spukgestalten von der Schwermetallrock-Front als Vokalisten nachgerade wie Kastraten, die in höchster Pein ihre Aggressionen beschwören. Bei nur geringfügig tieferer Stimmlage könnte man Miss Taylor ohne weiteres auch als King of the Blues bezeichnen, wenn sie dann nicht doch mit Liedern wie „Come To Mama“, „Queen Bee“ (quasi dem Antwortsong auf Slim Harpos „King Bee“) oder „I Can Love You Like A Woman (Or I Can Fight You Like A Man)“ die traditonellen Geschlechterverhältnisse wieder zurechtrücken würde. Das vorliegende Album präsentiert Chicago Blues von der konventionelleren Machart, allerdings vorzüglich gespielt. Und mit einem James Cotton, der zwei fabulöse Harmonika-Soli spielt. (Intercord Import 941404)

Franz Schöler

Dick Wellstood: „Diane“. Der Achtundfünfzigjährige gehört zu den Stride-Pianisten, einer Spezies, die einigermaßen aus der Mode gekommen ist, obwohl sie sich dem populären Swing nahe fühlt. Beim Stride-Piano spielt die linke Hand gewöhnlich auf den Taktzeiten eins und drei je einen Baßton, dazwischen auf zwei und vier einen Akkord. Es ist lustig zu hören, wie Dick Wellstood in dieser alten Manier „jazzt“: kraftvoll, laut, mit schunkelnder Ruppigkeit, ganz ohne falschen Anspruch. Es ist aber auch interessant zu lesen, was er seinen Hörern zu jedem seiner dreizehn Stücke mitzuteilen hat. Denn, sagt er, die meisten Musikkritiker verzapften blanken Unsinn, die Jazzkritiker Schund. So hoffe er, mit seinen anekdotischen Anmerkungen behilflich zu sein. Es ist keine Frage, daß man ihm desto genauer zuhört. (Swingtime Records/Intercord Record Service 942 096) Manfred Sack