Von Rüdiger Siebert

Es war, als klagte der Bambus dem Wind ein uraltes Leid. Die Stämme beugten sich unter unsichtbarer Last und knarrten und ächzten. Geheimnisvolles Gewisper flirrte in der trockenheißen Mittagsluft.

Ich war von Tulungagung gekommen, der lebendigen Kleinstadt im östlichen Java; war ein paar Kilometer in der dumpfen Enge eines überfüllten Kleinbusses südwärts gefahren und durch das Dorf Sanggrahan zu Fuß weitergegangen. Die Straße ist asphaltiert und endlos lang. Freundlichneugierige Blicke begleiten mich. Die Häuser und Gehöfte, die zu beiden Seiten stehen, sind sauber und gepflegt und vermitteln das in sich geschlossene Bild wohlgeordneter ländlicher Gemeinschaft. Ein seitlicher Hohlweg, ansteigend und ausgewaschen von vielen Regengüssen, führt hinaus aus der so dicht bewohnten menschlichen Geborgenheit; und der Bambushain im Bett eines ausgetrockneten Baches öffnet sich wie das Tor zu einer anderen Welt.

Ein riesiger Steinkoloß liegt plump und massig am Hang der anthrazitfarbenen Wajakberge. Den beim steilen Aufstieg keuchenden Ankömmling starrt aus runden aufgerissenen Augen eine Kala-Fratze an. In abschreckender Häßlichkeit blickt das Dämonenhaupt herab. Gierig aufgetan ist das breite Maul, das wie ein schwarzer Schlund alles Leben zu verschlingen droht. Doch dann erweist sich gerade dieser vermeintliche Abgrund als einladende Nische, die heute ebenso zur Meditation anregt wie vor nahezu einem Jahrtausend, als unbekannte Künstler den Kala ins grobkörnige Vulkangestein bannten und das Innere mit wunderschönen Reliefs schmückten. Die Javaner nennen den Ort Gua Selamangleng. Die drei Innenseiten der von Menschenhand geschlagenen Grotte bestimmen das Grundmotiv. Von Arjunas Versuchung erzählen die Wände. Der strahlende Held, Sinnbild des ewig Siegreichen, der Liebling der Frauen, der zartfühlende Helfer der Schwachen, hat sich in die Berge zurückgezogen, um seine Kräfte in Askese zu sammeln. Shiva, zweiter der drei obersten Hindu-Götter, stellt den Heroen, der sonst keinen leiblichen Freuden abgetan ist, auf die Probe. Himmelsnymphen sollen ihn verführen. Arjuna, in tiefster Versenkung, bleibt standhaft. Shiva überläßt ihm zur Belohnung eine tödliche Waffe, mit der er Ungeheuer besiegen kann.

Die verwitterten Reliefs halten diese Geschichte fest, die aus dem indischen Epos Mahabharata überliefert ist, auf den aufnahmebereiten Boden Javas gelangte und dort wie alle anderen weitergebrachten Einflüsse einbezogen wurde in die javanische Kultur. Die Arjuna-Episode ist eine eigenständige Dichtung aus der Zeit der Airlangga-Herrschaft im 11. Jahrhundert, einer Hochblüte hindu-javanischer Geistesbegegnung.

Die Zahl der hinduistisch-buddhistischen Candis, wie die Tempel hier genannt werden, geht in die Dutzende, wenn man sie als jeweils in sich geschlossene Komplexe wertet, in die Tausende, wenn sie einzeln aufgeführt werden. Der größte, berühmteste von allen ist der Borobudur, in der Kedu-Ebene, 42 Kilometer nordwestlich gelegen von Yogyakarta, dem geistigen Zentrum Mitteljavas.

Mitte des 9. Jahrhunderts verlagerte sich das politische Schwergewicht von Mittel- nach Ostjava. Was in nur zweihundert Jahren die künstlerischen Höhepunkte des zentraljavanischen Reiches markierte, verfiel, geriet in Vergessenheit und blieb zumeist bis ins 19. Jahrhundert hinein unter dem Mantel dichter Vegetation verborgen. Erst dann begannen unter Aufsicht der europäischen Kolonialherren die Wiederentdeckung, die zaghaften Versuche der Restaurierung, die wissenschaftliche Forschung. Die Tempel Borobudur, Mendut, Sewu, Prambanan, Plaosan sind mittlerweile fest einbezogen in die kulturhistorische Rundreise, die von Yogyakarta aus mühelos organisiert werden kann.