Von Theo Sommer

Seine Titel sind lang und umständlich: „Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzender des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik.“ Es läßt sich auch knapper sagen: Erich Honecker ist der mächtigste Mann der DDR, seit 1971. Ab und zu geht das Gerücht um, daß seine „Zukunft in Zweifel“ rücke; so hat gerade der Economist Geraune über die mögliche Ablösung des SED-Chefs im April kolportiert. Augenschein wie Analyse sprechen dagegen.

In der vorigen Woche hat Erich Honecker der ZEIT ein Interview gewährt (siehe S. 3-7). Es war vor drei Jahren beantragt, damals im Prinzip genehmigt und dann auf unbestimmte Zeit verschoben worden, umständehalber. Kurz vor dem Jahreswechsel wurde das Projekt aufs neue hervorgeholt. Anfang Januar übermittelte die ZEIT 25 schriftliche Fragen. Die – ebenfalls schriftlichen – Antworten wurden uns am 24. Januar ausgehändigt. Danach empfing Honecker den Chefredakteur und die DDR-Korrespondentin der ZEIT zu einem Gespräch. Es fand im großzügig dimensionierten Büro des Staatsratsvorsitzenden statt – in dem Gebäude am heutigen Karl-Marx-Platz, in dessen Fassade ein Portal des alten Schlüter-Schlosses eingefügt ist – und dauerte eine Stunde und fünfunddreißig Minuten. Was dabei gesprochen wurde, ist zum größten Teil in die schriftliche Version des Interviews eingearbeitet worden. Erich Honecker, der tags zuvor selber die letzten Antworten diktiert hatte, redigierte auch mit eigener Hand die ihm zur Autorisierung vorgelegte Endfassung.

Wie wirkt Honecker? Er wird im August 74 Jahre alt, aber er sieht um gut ein Jahrzehnt jünger aus; durch Gymnastik, Wandern, Schwimmen und Jagen hält er sich fit. Er spricht mit fester, manchmal leiser Stimme. Seine Sätze kommen ohne Schnörkel und Stanzfloskeln daher; er formuliert beredt. Er ist freundlich im Umgang, lächelt und lacht, läßt sich unterbrechen. Keine Verlegenheit, aber auch keine aufgesetzte Jovialität. Seine Fakten hat er präsent. Auf Zitate von Marx, Engels & Nachfolgern verzichtet er; er räsoniert aus der Sache, nicht aus der Ideologie.

Überhaupt kehrt er den Realisten heraus. Vernunft und Realismus – das Begriffspaar taucht in seinen Ausführungen immer wieder auf. Nicht zurück in die Schützengräben des Kalten Krieges, Bereitschaft zur Zusammenarbeit, Atmosphäre für Normalität schaffen, „Das Verhältnis der beiden deutschen Staaten darf keine zusätzlichen Belastungen der Lage in Europa hervorrufen“. Das sind nicht bloß Propaganda-Sprüche; Honecker handelt auch danach.

Im übrigen: Man ist flexibel. Man muß sich revidieren können. Auch früher einmal verworfene Ideen sollte man noch einmal überprüfen, neue Ideen ausprobieren. Bundeskanzler Kohl? Er praktiziert Kontinuität. Die Konzerne? Sie wollen Geschäfte machen, die DDR auch; so ist das Leben. Wenn sie sich aber an SDI beteiligen? Die Frage ist zweitrangig. Deutsche Einheit? Früher einmal hat Honecker gesagt, auch Kommunisten könnten träumen. Aber in sein realistisches Weltbild von heute paßt die Wiedervereinigung nicht einmal mehr unter sozialistischem Vorzeichen. Wer unter seinen Verbündeten wollte sie schon? „Wir gehen nach den Realitäten.“

Natürlich rückt Honecker nicht von seinen Grundüberzeugungen ab. Er ist und bleibt Kommunist – aber ein deutscher Kommunist. Gewiß hat er nicht „unbegrenzten Spielraum“, wie er im ZEIT-Interview behauptete. Er muß seine Normalisierungspolitik vor einem schwierigen Moskauer Hintergrund entwickeln. Im Spätsommer 1984 war er gezwungen, einen Besuch in der Bundesrepublik abzusagen, nachdem ihm die Prawda unterstellt hatte, er lasse sich von den Westdeutschen mit „wirtschaftlichen Hebeln“ erpressen. Aber auch danach blieb er bei der Parole „Schadensbegrenzung“; die Polemik gegen Bonn, die Revanchismus-Vorwürfe, das Poltern wegen SDI klangen jedenfalls auffällig gedämpft.