ZDF, Donnerstag, 23. Januar: „Ich bekenne mich schuldig – Lew Kopelew“, ein Dokumentarfilm von Hans-Dieter Grabe

Das Leugnen liegt ihm nicht. Lew Kopelew, Autor russischer Provenienz, hat, mit strotzender Tatkraft begabt, in seinem Leben viel geschafft, aber auch viel Schuld auf sich geladen. Sein „Beichtvater“ ist jetzt die Öffentlichkeit in der Bundesrepublik, Reden, Bücher, Medien. Die Verfehlungen früherer Jahre bekannte er im ZDF freimütig, aber ohne dabei mit seiner Unerschrockenheit auch nur sekundenlang zu kokettieren.

Er hat, sagt er, an Stalins Staat mitgebaut. Er hat bei grausamen Requirierungen in den Dörfern 1932/33 mitgemacht, er hat mit zugeschlagen: Er freute sich, sagt er, wenn sie verstecktes Getreide fanden. Das geschah, wenn die Bauern verzweifelt klagten, keineswegs ohne Gewissensregungen. Aber triumphierende Ideologien der Zeit haben Menschlichkeit übertönt und zum Schweigen gebracht.

Lew Kopelew, 1912 in Kiew geboren, war im Zweiten Weltkrieg sowjetischer Freiwilliger, er war politischer Fünrer seiner Truppe (Politruk) im Offiziersrang, ein fanatischer Kämpfer gegen die Eindringlinge. Aber sein Unterscheidungsvermögen funktionierte noch. Im letzten Kriegsjahr, in Ostpreußen, wo ihm die Opfer der sowjetischen Soldateska ebenso leid taten wie die jungen Mörder und Vergewaltiger, kam es zum Eklat: zum Bekenntnis, daß sich im feindlichen Heer zweierlei Menschen befanden, Faschisten und respektable Deutsche.

Dieser „kleine Unterschied“, den Kopelew machte, provozierte die Generalität, der Politruk wurde zur Verantwortung gezogen, Mitleid mit dem Feinde, so lautete die Anklage; zehn Jahre Lagerhaft hieß das Urteil. Bei uns ist Humanität nicht selten nur ein Lippenbekenntnis. Kopelew, der sich als antifaschistisch, zugleich aber als germanophil zu erkennen gab, hat dagegen für seine Gesinnung fast mit dem Leben bezahlt.

Schon früher hatte sich Kopelew, auf eine äußerst harte Probe gestellt, nicht verwirren lassen. Als im September 1941 bei Kiew, wo die SS zahllose Menschen vernichtete und wo auch Verwandte Kopelews, darunter seine Großeltern, ermordet wurden: auch da hat der fanatische Bolschewist Kopelew zwischen guten und bösen Deutschen noch unterschieden.

Kopelew hat sich von seinen frühen Götzen und Göttern kontinuierlich gelöst, von Stalin, Lenin, Marx. Er ist zum passionierten Kritiker am Kreml geworden, wie zum Beispiel auch Viktor Platonowitsch Nekrassow, der in Paris lebende russische Autor und Stalinpreisträger, und unzählige andere.