Integrationsklassen: Der erste Schritt zum Miteinander

Von Dörte Schubert

Der geistig behinderte Brian, acht Jahre alt, sitzt im Rollstuhl. Er gehört damit zu einer Kategorie von unbekannten Wesen: Nur die Hälfte der Bundesrepublikaner kennt Überhaupt Behinderte, hat kürzlich eine Untersuchung ergeben. „Behinderung“, sagt Ernst Klee, „heißt für die Betroffenen schlicht Apartheid im eigenen Land.“ Doch Brians Mitschüler wissen, wie man hilft und zusammen spielt. Brian gehört dazu.

Diese Normalbehandlung, die dem kleinen Jungen widerfährt, ist – davon sind Pädagogen und Eltern überzeugt – ein Verdienst der Integrationsklasse, die Brian zusammen mit behinderten und nicht behinderten Abc-Schützen besucht. Immer mehr Erzieher fordern, daß diese „I-Klassen“ zum Schulalltag aller Grundschulen gehören sollen.

Noch vor einigen Jahren wäre Brians schulisches (und berufliches) Schicksal rasch besiegelt gewesen. Jeden Morgen hätte er mit anderen Sonderkindern lange Wege im Sonderbus auf sich nehmen müssen, um endlich in der Sonderschule sonderbehandelt zu werden. Einen Kontakt mit nicht behinderten Kindern gibt es für diese Schüler nicht. „Spastis“, „Mongos“ und „Doofe“ gehören entsprechend für die gesunde Schülermehrheit zu einer fremden Randgruppe – exotischer als E.T. vom fremden Stern.

Immerhin: Noch bis Mitte der fünfziger Jahre galten Behinderte als kaum bildungs- und schulfähig. Erst Ende der 50er Jahre erlebten die Sonderschulen einen Bauboom, Behinderte rückten erstmals ins gesellschaftliche Problembewußtsein. Doch Blinde, Sehbehinderte, Gehörlose, Körper- und Sprachbehinderte, Verhaltensgestörte und geistig Behinderte lernten seitdem separat. Bis heute schafft kaum einer der rund 300 000 Sonderschüler den Sprung an die Regelschule.

Immer mehr Eltern möchten jedoch ihren Kindern das Behindertengetto ersparen – sie in einen „normalen“ Kindergarten und anschließend auf die Grundschule schicken. Während aber gegen Gemeinsamkeiten im Spielkreis kaum Einwände erhoben werden, stoßen Integrationsbemühungen in der Regelschule auf Skepsis bei vielen Sonderpädagogen und Schulverwaltungen – die leistungsorientierte Normalschule könne auf die Bedürfnisse Behinderter nicht eingehen.