In den sechziger Jahren, als ich zwanzig war, begegnete ich in einer machte Andreas Baader. Er war zu diesem Zeitpunkt noch keine öffentliche Figur. Er war laut, machte Randale, er wollte provozieren, aber er wirkte auch verletzlich, empfindsam. Seine Ausstrahlung wurde mit dem damaligen Lieblingsbegriff aus dem ästhetisch-politischen Wörterbuch mit „sinnlich“ beschrieben. Und seine unentwegten Versuche, sich zu prügeln, wurden ganz richtig als irregeleitete Sehnsucht nach körperlichem Kontakt verstanden. Er war, in jenen Tagen, kein Ideologe. Das Kino stand ihm viel näher als die Apo, die sich schon im Aufbruch befand, während er noch davon träumte, Schauspieler oder Filmregisseur zu werden. Er war der Typ, den der ungestillte Sinnlichkeits- und Erfahrungshunger glauben ließ, daß im Kino, im filmischen Rausch die Erlösung zu finden sei, die Befreiung aus dem Gefängnis der bürgerlichen Zwänge. Solche Baaders gab es in den sechziger Jahren viele. Manche haben überlebt, wer weiß wie. Andere, die nicht in die Schlagzeilen kamen, gingen auf die eine oder andere Weise den Weg der Selbstzerstörung.

Der Ursprung des Schreckens, dem Baader aus wahnhaftem Sehnen, Hoffen und Glauben stellvertretend für viele in die Falle ging, liegt in einer Fehleinschätzung der menschlichen Verwirklichunes- und Erfüllungsmöglichkeiten in einer Gesellschaft, die damals auch in den bürgerlichen Feuilletons unverblümt repressiv genannt werden konnte. Der Ausgangspunkt dessen, was Baader anrichtete, war ein von vielen Menschen akzeptiertes und zunächst unpolitisches Bedürfnis, das „richtige Leben“ zu verwirklichen, jenes verzweifelt negative Motto „Das Leben lebt nicht“, welches Adorno seiner „Minima Moralia“ voranstellte, außer Kraft zu setzen. Die Theorie, die Ideologie und der gefährliche Aktionismus folgten dem dann mit ganz anderen Inhalten und Zielen.

Wer diese Vorgeschichte Baaders nicht kennt, kann den Film „Stammheim“, der jetzt in unseren Kinos läuft, eigentlich nicht begreifen. Reinhard Hauffs Film, nach einem Drehbuch Stefan Austs, dem Autor des Buches „Der Baader-Meinhof-Komplex“, inszeniert, handelt nur vom Ende. Von dem Prozeß im Gefängnis Stammheim vor rund zehn Jahren, wo Andreas Baader, weitgehend isoliert von der Gesellschaft, die er verändern wollte, in extremster Weise zum Nicht-Leben verdammt war. Es können viele Lehren aus diesem Film gezogen werden, juristische, politische. Stoff für neue Debatten liefert er reichlich, er gibt einen ernst zu nehmenden Anstoß, das Thema Stammheim noch einmal aufzurollen. Aber leicht übersieht man dabei, was dieser Film auch zeigt, die Endstation eines Traums, dessen Pervertierung in Gewalt bis heute nicht wirklich erhellt werden konnte. Was werden die Zuschauer erkennen, bevor sie abstrahieren und zur Tagesordnung übergehen?

Allmählich zieht einen der Film hinein in die Stammheim-Hölle, und nach anfänglichen Widerständen akzeptiert man, daß die vier begabten, leidenschaftlichen Schauspieler, die im Mittelpunkt stehen, Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe darstellen. Der Prozeß, in dem sie wie in einem Duell zwischen Generationen, zwischen Roben und Jeans, dem Gericht contra geben, wirkt wie ein sinnloser, leerlaufender Schlagabtausch. Das verstärkt seine Grausamkeit. Die Argumentation ergibt nur für Insider einen Sinn. Wem weder die Baader-Meinhof-Sprache noch die Juristensprache geläufig sind, wird manchmal ohnmächtig wünschen, sich die Ohren zuhalten zu können. Eher dunkel bleibt auch die private Sphäre der Angeklagten; die Scheu der Filmemacher, sich hier vorzuwagen, wirkt verständlich. Mich interessiert: Was wird ein heute Zwanzigjähriger, der von nichts weiß, aus diesem Film mitnehmen? Er wird zum Beispiel einen Andreas Baader sehen im offenen Jeanshemd, mit ruppigen James-Dean-Manieren, der die „alten Säcke“ auf der Richterbank anschreit, anpöbelt – der Randale macht, wie damals in den frühen sechziger Jahren in jener Kneipe, wo ich ihn sah. Ratlos sehe ich nun, wie dieser Andreas Baader doch noch zum Film kam – auf einem furchtbaren Umweg.

Siegfried Schober